Alfred Kantorowicz schrieb in seinem Rechenschaftsbericht, den die ZEIT im August 1957 veröffentlichte: „Von meinen nun 58 Jahren waren die letzten vierzig für mich Kriegsjahre, mit der einen Ausnahme des Jahrfünfts von 1924 bis 1929.“

Im Jahre 1931 trat Kantorowicz in die KP ein, 1933 flüchtete er nach Frankreich, kämpfte bei der Internationalen Brigade in Spanien, wurde nach der Besetzung Frankreichs in ein KZ eingeliefert, konnte 1941 nach den USA flüchten. 1947 kehrte er nach Deutschland zurück, ging nach Ostberlin und wurde Herausgeber der Zeitschrift „Ost und West“, die aber sofort nach Gründung der DDR als erste Zeitung vom Politbüro der SED verboten wurde. Als einziger prominenter Schriftsteller der Zone hat Kantorowicz sich geweigert, die Verleumdungen der ungarischen Freiheitskämpfer durch den sowjetzonalen Schriftstellerverband zu unterschreiben – ein Entschluß, der ihn den SED-Funktionären noch verdächtiger machte. Im August 1957 war es soweit – er mußte zum drittenmal in seinem Leben flüchten, zum drittenmal unter Hinterlassung all seiner Habe, seiner Bücher und Manuskripte.

Wir drucken hier Teile aus der Eingabe ab, die Alfred Kantorowicz am 24. März 1958 dem bayrischen Arbeitsministerium einreichte. Danach folgen Auszüge aus einigen Briefen – es gibt deren noch viele mehr – die deutlicher, als seine eigenen Ausführungen dies können, Kantorowicz’s Rolle und seinen Freundeskreis schildern. tung zu rechnen, und über die Westberliner Sender Rias und Freies Deutschland ist damals mehrfach bereits von meiner bevorstehenden oder schon vollzogenen Verhaftung die Rede gewesen. Daß ich dem Äußersten damals entging, ist wohl nur durch das weltweite Aufsehen zu erklären, daß die gerade vorangegangene Verhaftung der Harich-Gruppe gemacht hatte. Die Abrechnung mit mir wurde vertagt.

... Ich stand also vor der Wahl, zu widerrufen, lügenhafte Erklärungen abzugeben, mich in die Dienste der verhaßten Bedrücker meines Volkes zu stellen oder in die Zuchthäuser der Ulbricht-Diktatur zu gehen. Als Ausweg wählte ich die Flucht in den anderen Teil meines, Vaterlandes.

Das ist von allen, die es anging, vor allem von der Studentenschaft der Zone, aber auch von den Beobachtern in der Bundesrepublik und besonders in Westberlin verstanden und gewürdigt worden. Wäre es sonst denkbar gewesen, daß eine politisch so verantwortungsbewußte Persönlichkeit wie der gegenwärtige regierende Bürgermeister von Westberlin, Willy Brandt, mich noch in meiner ersten Zuflucht aufgesucht und herzlich begrüßt hätte? Oder wäre es denkbar, daß der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, mich in seinen Amtsräumen mit den Worten empfing: „Seien Sie uns herzlich willkommen!“?

... Nach all diesen Jahren des nervenaufreibenden Kampfes gegen die Diktatur drüben habe ich verständlicherweise ein tiefes Verlangen, in Ruhe mein „Deutsches Tagebuch“ zu schreiben, das ein Beitrag im Kampf gegen die Bedrücker unseres Volkes in der Zone sein wird. Aber nach dem weltweiten Aufsehen, das – ohne mein Zutun und gegen meinen Wunsch – meine Flucht nun einmal ausgelöst hat, ist die Frage meiner Anerkennung als politischer Flüchtling, ob ich will oder nicht, ein Politikum geworden.

Meiner aus dem Geiste des Widerstandes gegen die Vergewaltigungen der Freiheit gebotenen Flucht die Anerkennung zu verweigern, müßte doch zur tiefsten Entmutigung aller Widerstandskämpfer in der Zone führen. Es könnte ja beinahe als Hinweis gedeutet werden: Haltet euch stille, duckt euch, macht mit, damit ihr nicht auch in die Zwangslage geratet, fliehen zu müssen. Eine solche Folgerung würde im schroffen Gegensatz zu den Notwendigkeiten des Kampfes gegen das SED-Regime stehen, eines Kampfes, in dem ich mich nach allem ausgewiesen habe und in dem ich mit meinen besten Kräften weiter das Meine tun werde. Dazu bedarf ich vor allem der Bestätigung, die auf der Anerkennung des Tatbestandes meiner Flucht aus lauteren politischen Motiven beruht.