Von Josef Müller-Maiein

„Das ist schön bei uns Deutschen; keiner ist so verrückt, daß er nicht noch einen Verrückteren fände, der ihn versteht.“ Heinrich Heine

Wie ein Imperator des Mittelalters, so schleppt der moderne „König Fußball“ Narren und Schellenträger im Gefolge. Und es scheint, daß unsere lieben Landsleute es dabei am eifrigsten treiben: das Johlen, das Schellen, das Plärren auf heiseren Trompeten ... So jedenfalls schilderten es die westdeutschen Sportberichterstatter, die zu den Weltmeisterschaftsspielen nach Schweden reisten; so auch las man’s in schwedischen Zeitungen, und nicht dort allein. Aus alledem aber stellt man errötend fest, daß die Empörung über das siegestrunkene und unsportliche Verhalten der deutschen „Schlachtenbummler“ weltweit geworden ist. Was die deutsche „Elf“ drunten auf dem Rasen durch ihr kunstvolles Spiel an Sympathie gewann, das verdarben die deutschen Zuschauer wieder. Und schließlich konnte man daheim gar nicht selten den verräterischen Stoßseufzer hören: „Ach, wenn wir doch endlich ein Spiel verlieren wollten – wenigstens das gegen Schweden ...“ Was denn auch – nicht zuletzt deshalb, weil ein deutscher Spieler vom Platz gewiesen werden mußte – leider geschah.

Wir Deutsche haben uns von neuem unbeliebt gemacht. Woran liegt’s? Am Fußballspielen etwa? Nein. Zwar-, weiß jeder, der als Junge mit aufgeschlagenem Knie oder Schienbein nach Hause kam, daß dies ein rauhes, wildes Spiel sein kann; ein stetes Ärgernis für besorgte Eltern. Wächst dieser Junge aber erst einmal in eine gut geführte Mannschaft hinein, so vergißt er sein Lebtag nicht mehr, daß dies Spiel nicht nur schnelle Beine, gute Lungen, Ausdauer und Courage verlangt, sondern auch Geistesgegenwart, Intelligenz, Gefühl für Logik, für mögliche Zusammenhänge, Vertrauen zum Mitspieler. Auf primitiver Stufe ist das Fußballspiel nahe der Prügelei, in seiner höchsten Form aber ist es dem Schach verwandt (und wenn „Bolzereien“ vorkommen, nun, sie sehen meist schlimmer aus als sie sind). Ergo: Wenn die deutsche Nationalmannschaft sich in diesen Wochen als eines der besten Teams der Fußballwelt bewährte, ist dies kein Grund, daß sportfrohe Landsleute nicht ein wenig stolz sein sollten, so wie Freunde des Turniersports stolz auf Reiter wie Winkler sind.

Nein, am Spiel und an den Spielern liegt es nicht. Und wenn es bei einem Match um die deutsche Meisterschaft kürzlich auch dazu kam, daß im Stadion zu Hannover ein Teil des Publikums auf Haydns erhabene Melodie die Worte sang: „Schalke, Schalke über alles“, so war dieser Massen-Fauxpas doch wohl eher ein Zeichen mangelnder nationaler Würde, während die Szenen, die rund um die schwedischen Rasenflächen beobachtet wurden, auf ein grotesk überhitztes Nationalgefühl schließen ließen.

Mit krächzenden Trompeten

Mit Spruchbändern und Fahnen zogen die „Schlachtenbummler“ aus Deutschland in die schwedischen Arenen, entfalteten ihre leinenen Weisheiten und ließen alle Welt Inschriften lesen wie: „Eines ist uns sonnenklar: Deutschland wird Weltmeister in diesem Jahr.“ Sie nahmen Platz auf den Bänken und waren erregt, und ihre Erregung war größer als ihr Gefühl für fairness. An einer rostig krächzenden Trompete konnten sogar die Fernsehgäste erkennen (und da es sich um eine Eurovision-Übertragung handelte, in ganz Europa), daß beim Wettkampf Deutschland-Nordirland niemals eine Bravourtat der irischen Spieler durch eine Fanfare belohnt wurde, sondern stets nur deutsche Heldenstücke. Wurde einmal die Situation am deutschen Tor bedenklich, so schwieg die rostige Trompete ängstlich und blamiert; griff der deutsche „Sturm“ aber an, so schmetterte sie ihr blechernes „Heil“.