Von Gerhard Schubert

In den beiden letzten Nummern der ZEIT hatte der Erbforscher und Strahlungs-Spezialist Professor Dr. Gerhard Schubert zunächst eine Darstellung des Vererbungs-Vorganges gegeben und danach die Gefahren aufgezeigt, die dort drohen, wo mehr und mehr Strahlungs-Energien für wissenschaftliche, technische und militärische Zwecke eingesetzt werden. Professor Schubert glaubt nicht, daß es möglich oder auch nur wünschenswert ist, das Rad der Entwicklung zurückzudrehen. In diesem dritten und letzten Teil seines Forschungsberichtes kommt er zu fünf praktischen Schlußfolgerungen, die uns als Resümee der Arbeit eines bedeutenden Gelehrten aller Beachtung wert scheinen.

Während die radioaktiven Spaltprodukte eines Kernreaktors im Laufe der Zeit gesammelt, konzentriert und beseitigt werden können, wird das gesamte spaltbare Material einer Kernwaffe bei einer thermonuklearen Explosion im Bruchteil einer Sekunde umgewandelt und in die Atmosphäre geschleudert. Dabei werden große Erd- oder Wassermengen in den rasch aufsteigenden Feuerball gesogen. Die Erd- oder Wasserpartikel vermischen sich dann mit den Uranspaltprodukten, mit den radioaktiven Bombenteilchen und den durch Neutronen aktivierten Substanzen.

Je nach den meteorologischen Bedingungen und je nach der Teilchengröße sinken diese fein verteilten, hoch aktiven Schwebstoffe verschieden schnell zu Boden oder werden von den herrschenden Luftströmungen über weite Strecken fortgeführt. Dieser radioaktive Niederschlag, der fall-out, gilt heute als die größte und unheimlichste Gefahrenquelle jeder thermonuklearen Waffe, weil er nicht nur die unmittelbare Umgebung des Explosionsortes, sondern unsern ganzen Planeten radioaktiv verseuchen könnte.

Wenn eine Versuchsexplosion nach der anderen in den verschiedenen Regionen unseres Erdballs erfolgt, dann ist unschwer zu begreifen, daß die Radioaktivität unserer Umgebung allmählich ansteigen muß. Tatsächlich wurde bereits eine deutliche Erhöhung der Boden-, Wasser- und Luftradioaktivität an den verschiedensten Meßpunkten der Erde festgestellt.

Fragt man nach der gegenwärtigen Gesamtstrahlenbelastung der Bevölkerung durch atomare Versuchsexplosionen, so geben darüber neuere Untersuchungen Auskunft, die von einer Arbeitsgruppe unter Professor Rajewsky an den verschiedensten Meßpunkten der Bundesrepublik durchgeführt wurden. Danach beträgt die zusätzliche Strahlenbelastung durch die radioaktiven Niederschläge nach Kernexplosionen durchschnittlich etwa 25 Prozent der natürlichen Umweltstrahlung. Nach amerikanischen Angaben beträgt die Gesamtstrahlungsmenge, der die amerikanische Bevölkerung bis heute durch kernphysikalische Detonationen (einschließlich der russischen, amerikanischen und britischen Versuche) ausgesetzt war, etwa 100 bis 150 Milli-Röntgen. Dieser Wert entspricht etwa der Belastung durch eine Röntgenaufnahme der Lunge; und trotzdem erscheint es mir genetisch nicht gleichgültig zu sein, ob wenige oder ob viele Millionen von Menschen diese Dosis, die auch die Keimdrüsen trifft, erhalten.

Damit stellt sich naturgemäß die Frage nach der genetischen Bedeutung einer zusätzlichen Strahlenbelastung – oder mit anderen Worten: die Frage nach den Folgen einer Erhöhung der Mutationsrate beim Menschen.