Es ist schwierig, zuverlässige Zahlenangaben über die durchschnittliche spontane Mutationsrate des Menschen zu machen. Das gilt in noch viel höherem Maße für die strahleninduzierte Mutationsrate, über die wir – das sollten wir uns ruhig eingestehen – so gut wie überhaupt nichts wissen.

Aus diesem Grunde ist die exakte Angabe einer gewissen Sicherheitsdosis einfach nicht möglich. Alle Genetiker sind sich jedoch darüber einig, daß jede Strahlung unerwünscht ist, sofern sie irgendeine schädliche Mutation zur Folge hat. Da die Größe der Erbschädigungsgefahr für die künftige Generation proportional der Gesamtstrahlenbelastung ist, kommt es nicht so sehr auf die Einzeldosis an wie auf die akkumulierte Gesamtdosis an Strahlung.

Angesichts dieser Erkenntnis und aus Sorge und Verantwortung für die zukünftigen Generationen erscheint es trotz aller Unsicherheiten auf diesem höchst komplizierten und subtilen Gebiet zweckmäßig, eine willkürliche Dosisbegrenzung anzugeben, vor allem um die nötige Vorsicht und Schutzmaßnahmen zu stimulieren. Die internationale Kommission für Strahlenschutz hat daher im April 1956 in Genf vorgeschlagen, die höchstzulässige Dosis auf einen Wert von zehn Röntgen als Durchschnitt für die Gesamtbevölkerung innerhalb einer Generationsdauer von dreißig Jahren festzulegen.

Dieser Dosiswert kann aber immer nur in dem Sinne interpretiert werden, daß – wenn er nicht überschritten wird – die zu erwartenden Folgen und Schädigungen in Ausmaß und Häufigkeit als vernachlässigbar klein und sowohl für den einzelnen als auch für die Gesamtheit als noch tragbar angesehen werden. Hoffentlich kommt dabei aber niemand auf den Gedanken, daß eine geringere Strahlenbelastung als zehn Röntgen genetisch absolut harmlos wäre. Andererseits zeigt das Beispiel der Bevölkerung in der Monacid-Gegend Indiens, wo die Strahlenbelastung der Bevölkerung durch die natürliche Umweltstrahlung bereits dreimal so groß ist, daß eine Überschreitung dieses Dosiswertes nicht gleich zu einer Weltkatastrophe führen muß.

Im allgemeinen aber müssen wir daran festhalten, daß jede zusätzliche Strahlenbelastung der Bevölkerung die Mutationsrate erhöht. Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die Häufigkeit der Mutationen, die auf die Nachkommen vererbt werden? Aus den Schwierigkeiten bei der Beantwortung dieser entscheidenden Frage erklären sich weitere unterschiedliche Meinungen über die Größe der Erbschädigungsgefahr.

Die menschliche Bevölkerung ist schon normalerweise mit einer gewissen Rate spontaner Mutationen belastet, deren Anzahl infolge der Strahleneinwirkungen um einen zusätzlichen Betrag erhöht wird. Praktisch alle neuauftretenden Mutationen beeinträchtigen die Lebensfähigkeit ihrer Träger. Die Merkmalsträger einer vitalitätsmindernden Mutation werden andererseits dadurch ausgemerzt, daß sie schon vor der Geburt sterben oder das fortpflanzungsfähige Alter nicht erreichen. Die Selektion vermindert also die Belastung der Bevölkerung mit nachteiligen Erbfaktoren.

Dieses Gegenspiel von Mutation und Selektion bestimmt den gegenwärtigen und zukünftigen Erbbestand einer Bevölkerung. Erhöht sich. die Mutationsrate, oder vermindert sich die Selektion, so muß das zu einer Anhäufung abnormer Erbfaktoren führen.