Wien, im Jun.

Als ich vor kurzem an der ungarischen Grenze war, sah ich, wie ein Landarbeiter auf österreichischer Seite von einem der ungarischen Wachtürme aus beschossen wurde. Ich erkundigte mich später bei einem Wiener Journalisten, ob er die Nachricht – durch einen glücklichen Zufall war niemand verletzt worden – veröffentlichen würde. Er verneinte mit dem Argument, das „ziehe“ nicht.

Wahrscheinlich hatte er recht. Der ungarische Volksaufstand hat tiefe beispiellose Erschütterung in Österreich ausgelöst, aber sie hat sich im Alltag verbraucht. – Auch konnte man sich nicht dazu aufraffen, den Kampf der Ungarn als den Teilabschnitt eines viel umfassenderen Kampfes zu erkennen, der an vielen Fronten gegen das kommunistische Unrechts-System geführt wird. Daher war man geneigt, an das Ereignis in der Terminologie der Vergeblichkeit zu denken. Und mit der Erinnerung an Vergeblichkeit will auf die Dauer niemand leben.

Als Mikojan in Wien war und gesprächsweise erwähnte, daß man gar nicht daran denke, aus Leuten wie Imre Nagy und Paul Maleter Märtyrer zu machen, daß man sie vielmehr bald amnestieren würde, war es just das, was man hören wollte. Hatte man die Dinge nicht doch falsch gesehen? Trug Free Europe nicht eine gewisse Verantwortung? Waren die Ungarn mit ihrer eigenen Maßlosigkeit nicht mitschuldig an dem, was geschehen?

So verfälschten sich Deutung und Erinnerung. Es konnte geschehen, daß ein sozialistischer Abgeordneter, der während des Aufstandes vollen Mutes nach Ungarn geeilt war, um den Verwundeten zu helfen, die einfältigsten Koexistenzphrasen nachplapperte.

Die Nachricht von dem Budapester Bluturteil hat all das wie mit einem Donnerschlag verändert. Das Bild der großen Volkserhebung, es war also doch nicht ganz zerstört. In einem Winkel unseres Herzens hat es dieses Bild noch gegeben. Es war nur überdeckt vom Schutt des Alltags und dem Nebel der Atom-Angst. Denn jener Kampf, so begriff man jetzt, war gar nicht zu Ende gekommen.

Das große Anliegen, das Männer wie Nagy und Maleter vertraten, war so stark und lebendig, daß die Russen den verzweifelten Schritt taten, die beiden ermorden zu lassen. Doch nun sprechen die Opfer lauter aus ihren Gräbern als aus ihren Gefängnissen. Janko Musulin