G. G., Porkkala, Ende Juni

Zwanzig Kilometer südwestlich von Helsinki scheint die Zeit still zu stehen. Schnurgerade zieht sich die von schweren Raupenketten zerfurchte Straße nach Süden. Links und rechts recken sich cunkle Tannen in den Frühjahrshimmel. An die Flanken der Berge ducken sich vereinzelte Holzhäuser. Kein Rauch steigt aus ihren Schornsteinen. Kein Laut dringt aus ihrem Innern. Nur die geöffreten Türen knarren leise, wenn ein Windstoß vom nahen Meer herüberfegt. Vor dem Portal steht ein schiefer Wegweiser: „Nach Porkkala.“

Seit die Russen diesen Flottenstützpunkt vor zweieinhalb Jahren räumten, hat Porkkala darum gekämpft, wieder Anschluß an das Leben zu finden. Aber heute 1958 ist das 380 Quadratkilometer große Gebiet noch immer von Schützengräben zerfurcht, die Äcker noch immer brach ...

„Zweimal schon haben wir versucht, die Felder zu bestellen“, sagt Knut Lönnegren, der, einst von Haus und Hof gejagt, wieder in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist. „Doch nichts wollte wachsen. Vielleicht haben die russischen Panzer unsere Äcker für immer ruiniert. Wir wollen es im nächsten Jahr noch einmal versuchen.“

So erwacht Porkkala nur langsam aus dem langen Dornröschenschlaf. Die Glocke, die jetzt in Degerby die Gläubigen in das Gotteshaus ruft, in ein Gotteshaus, das von den Sowjets zehn Jahre lang als Magazin diente, blieb zwar von den Menschen nicht ungehört. Vereinzelt sind sie wieder da, die Bergströmt und die Gustafsons – Finnlandschweden allesamt. Sie haben sich in den einstigen „Gemüsegarten Helsinkis“ zurückgewagt. Hier und da hört man Klopfen und Hämmern in den Wohnungen. Aber es geht doch nur langsam aufwärts.

„Zur Einweihung haben wir noch keine Orgel in unserer Kirche gehabt“, sagt Küster Alberg. „Wir mußten uns mit einem Harmonium begnügen. Auch das Glockenseil müßte erneuert werden. Aber was müßte hier nicht alles neu sein! Wir haben erst mit den Kirchen angefangen. Jetzt kommen die Felder und die Häuser dran. Und wenn Gott es will – dann werden auch die Menschen wieder heimisch werden.“

Für Finnland brachte die Rückkehr Porkkalas eine Fülle von Problemen mit sich. Einmal mußte ein Entschädigungsschlüssel gefunden werden, der auch für den Fall brauchbar ist, daß die Sowjets je den Streifen von Salla, die Landenge von Wiborg oder den Hafen Petsamo wieder an Finnland zurückgeben sollten. Denn trotz aller sowjetischen Unnachgiebigkeit geben die Finnen die Hoffnung nicht auf, daß die Abtrennung dieser Gebiete nur vorübergehend ist.