Die Geschäftsabschlüsse der „Pioniere der deutschpolnischen Zusammenarbeit“, wie Gomulka die Aussteller der Bundesrepublik auf der vom 8. bis 22. Juni durchgeführten Posener Messe bezeichnete, sind nicht sonderlich hoch gewesen. Das ist einzig und allein darauf zurückzuführen, daß die Bundesrepublik in Warschau noch immer nicht durch eine Handelsmission vertreten wird und das am 1. Januar abgelaufene deutsch-polnische Handelsabkommen nur provisorisch verlängert wurde, neue Wirtschaftsverhandlungen aber noch immer ausstehen. Deshalb kam in Posen meist die westeuropäische Konkurrenz zum Zuge, weil sie mit langfristigen Krediten aufwarten konnte, die bei der derzeitigen polnischen Wirtschaftslage nun einmal unerläßlich sind. So blieb Posen auch diesmal für die westdeutsche Wirtschaft in erster Linie ein Ort für Vorbesprechungen und weniger für Handelsabmachungen. Das ist deswegen zu bedauern, weil die Wirtschaftspolitik Polens, die seit Herbst 1956 vom „polnischen Erhard“, Prof. Oskar Lange, betrieben wird, mancherlei Anknüpfungspunkte für eine Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik bietet.

Tito war es, der unlängst auf dem Parteikongreß in Ljubljana die Stalinisten für die Wirtschaftskrise Polens im Jahre 1956 verantwortlich machte. Lange ist es gelungen, sein Vaterland vor dem damals drohenden Absturz in die Inflation zu bewahren. Das war dadurch möglich, daß Lohnforderungen der Arbeiter nur sehr zögernd nachgegeben wurde, so daß das Marktgleichgewicht wiederhergestellt werden konnte. Die Spekulationen der Verbraucher wurden eingeschränkt, die Spareinlagen haben seitdem zugenommen, und die Landwirtschaft ist auf dem besten Wege, die Realeinnahmen laufend zu erhöhen. Die Lebensmittelversorgung ist gesichert, so daß bei den Grundnahrungsmitteln Mangelerscheinungen seit längerem nicht mehr auftraten und die Nahrungsmittelbestände schon im April dieses Jahres die für Ende 1958 geplante Höhe erreichten. Größere Schwierigkeiten gibt es allerdings noch bei der Versorgung der Bevölkerung mit Textilien, Schuhen, Radioapparaten, Fernsehgeräten, Fahrrädern und anderen langlebigen Gebrauchsgütern.

Eine der Haupteinnahmequellen Polens, der Steinkohlenbergbau, ist in letzter Zeit ergiebiger geworden. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, daß mehrere Gruben modernisiert wurden und bei den Bergarbeitern durch das Prämiensystem in ausländischer Valuta der Anreiz besteht, mehr zu fördern. Die Arbeiter bekommen die Devisen zwar nicht in die Hände, doch der polnische Staat führt für sie die gewünschten Gebrauchsgüter aus dem Ausland ein. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden etwa 400 000 Tonnen Steinkohle mehr gefördert als im Vorjahr. Gut entwickelte sich auch die chemische Industrie, während die polnischen Werften allein innerhalb der nächsten 24 Monate 16 Überseeschiffe nach Brasilien liefern werden.

Die Reprivatisierung der Landwirtschaft hat in den letzten Monaten erfreuliche. Ergebnisse gezeitigt. Polen war bereits im vergangenen Jahr in der Lage, landwirtschaftliche Produkte wieder im größeren Ausmaß exportieren zu können, was durch die Kollektivierung unmöglich geworden war. Da durch das Kohlenüberangebot auf den Weltmärkten der polnische Kohle-Exportplan gefährdet ist, soll durch eine gesteigerte Ausfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Vieh ein Ausgleich geschaffen werden.

Es ist offensichtlich, daß Polen manche ökonomische Anregung aus Jugoslawien erhielt. Der kürzlich zwischen Warschau und Belgrad abgeschlossene Vertrag über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit geht weit über die üblichen Handelsverträge hinaus. Ein gemeinsames polnischjugoslawisches Wirtschaftskomitee wird gemeinsame Einkäufe vor allem auf den afro-asiatischen Märkten vorbereiten. Wieweit diese Zusammenarbeit sich mit den Verpflichtungen Polens innerhalb der Wirtschaft des Ostblocks nach der Sperrung der sowjetischen Kredite für Jugoslawien vertragen wird, ist eine andere Frage.

In dem Abkommen war nämlich vorgesehen, auch die Struktur des polnischen Außenhandels zu verändern, so daß die polnischen Betriebe die Möglichkeit hätten, direkt mit den jugoslawischen Firmen in Verbindung zu treten, ohne dabei die polnischen Außenhandelszentralen in Anspruch zu nehmen. Zumindest ist aber damit zu rechnen, daß beide Länder in engem Kontakt bleiben werden. Es dürfte wohl auch kein Zufall sein, daß der jugoslawische Dinar in Polen zu einem höheren Kurs als der Dollar oder die Deutsche Mark bei der Nationalbank angekauft wird.

Die polnische Privatwirtschaft, die sich seit dem Oktober 1956 in beschränktem Maße wieder entfalten konnte, beschäftigt gegenwärtig 160 000 Arbeitskräfte, während in der volkseigenen Wirtschaft 7,3 Mill. Menschen arbeiten. Die Zahl der Privatbetriebe fällt also kaum ins Gewicht. Doch dürfte in diesem Jahr die Zahl der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft ansteigen. Hans Lindemann