Die wenigen unzufriedenen Schering-Aktionäre, die nur etwa 220 000 der anwesenden 4,2 Mill. Stimmen vertraten, hatten zum Hauptziel ihrer Kritik den Dividendenvorschlag von „nur“ elf v. H. und die Berücksichtigung der hohen Exportrisiken in der Bilanz in Form einer Wertberichtigung in Höhe von fünf Mill. DM erwählt. An ihrer Spitze stand der Darmstädter Berufsopponent Erich Nold, der mit einem Katalog von 65 Fragen im wesentlichen den Ablauf der HV diktierte, die schließlich nach über sechs Stunden Dauer mit der Annahme der Vorschläge der Verwaltung endete. Die Bereitwilligkeit zur Auskunfterteilung, mit der Versammlungsleiter Dr. Eduard von Schwartzkoppen und die Vorstandsmitglieder Dr. Wilhelm Borner und Adam Gahn den z. T. unqualifizierten Anwürfen Nolds („Der Geschäftsbericht erfüllt den Tatbestand der arglistigen Täuschung“) begegneten, verdient Anerkennung.

Der sachliche Teil der Diskussion konzentrierte sich immer wieder auf die schon im Geschäftsbericht wiederholt betonte Notwendigkeit, das Auslandgeschäft zu erweitern (vgl. Die ZEIT Nummer 23 vom 5. Juni), und auf die dabei in Kauf zu nehmenden Risiken. Für die Schering-AG, die wie kaum ein vergleichbares Unternehmen schwere Verluste nicht nur während und infolge des Krieges, sondern nach dem Neubeginn aus dem Nichts noch einmal bei der Spaltung Berlins in Kauf nehmen mußte, ergibt sich der Zwang zur Expansion auf den internationalen Märkten aus einem einfachen Rechenexempel: Um auf dem Gebiet der Pharmazeutik, auf die rd. drei Viertel des gesamten Schering-Umsatzes entfällt, mit der Entwicklung Schritt zu halten, bedarf es kostspieliger Forschungsinvestitionen. Sie können nur durch eine -möglichst breite Geschäftsbasis erwirtschaftet werden, für die der deutsche Markt mit seinen 50 Millionen Verbrauchern nicht ausreicht. Der stärkste Konkurrent auf dem Weltmarkt aber, die Vereinigten Staaten, disponiert auf der Grundlage einer mehr als dreifach höheren inländischen Verbraucherschaft. Ein großer Teil der Auslandsmärkte liegt aber in Ländern mit inflationistischer Währungspolitik und entsprechenden Einfuhrrestriktionen. Wenn Schering unter diesen Umständen im Berichtsjahr zusammen mit seinen ausländischen Beteiligungs- und Vertriebsgesellschaften bei einem Exportwert von 26 Mill. DM einen Effektivverlust von 1 Mill. DM erlitten und weitere 5 Mill. DM zur Absicherung gegen Risiken zurückgestellt (also durchaus nicht unbedingt verloren) hat, so bewegen sich diese Zahlen bei einer Bilanzsumme von 141,8 Mill. DM und einem damals mit 50, inzwischen am 70 Mill. DM erhöhten AK in einer vertretbaren Größenordnung. Der Geschäftsverlauf im neuen Jahr ist überdies, wie Dr. Borner mitteilte, bisher so erfreulich, daß bei Fortsetzung des gegenwärtigen Trends das Ergebnis „die Aktionäre nicht enttäuschen wird“.

Lebhafte Kritik äußerten auch in diesem Jahr wieder Verwaltung und Aktionäre an der Behandlung des deutschen Eigentums juristischer Personen in den Vereinigten Staaten. Nach dem gegenwärtig zur Diskussion stehenden Gesetzentwurf des Weißen Hauses, den der Kongreß spätestens im August d. J. verabschieden oder ändern muß, ist für die enteigneten deutschen Unternehmen mit einer Freigabequote von nur etwa 16 v. H. zu rechnen. Hinzu kommt für Schering die teilweise noch immer diskriminierende Behandlung durch ihre einstige Beteiligungsgesellschaft, die Schering Corporation, New York, die dem deutschen Unternehmen auf einzelnen Markten bis zum heutigen Tage den Gebrauch seiner eigenen Warenzeichen streitig macht und sich ungehindert als Käufer deutscher Schering-Aktien betätigen kann, während dem deutschen Unternehmen der Erwerb von Aktien der Schering Corporation gesetzlich verwehrt ist. G. G.