Sinn und Unsinn der Ruinen

Von Heinrich David

Dreimal hintereinander wurde Trier, die vornehmste StadtGalliens, zerstört. Die ganze Stadt war ein Brandkaufen. Und wie verhielten sich die Trierer, die mit dem Leben davongekommen waren? Sie verlangten von dem Kaiser nicht Brot, nicht Kleider, sondern Zirkus und Theaterspiele ... Salvianus (440 n. Chr.)

Trier, im Juni

Der erste Romantiker, der verfallene Burgen als eine Bereicherung des Landschaftsbildes empfand, lebte in Trier, drei Menschenalter bevor die Stadt endgültig in die Hand der Deutschen fiel, weil sich – so meldet Salvianus – die römischen Bürger der Moselstadt so sehr dem Trünke ergeben hatten, daß sich keine Hand mehr zur Verteidigung rührte. Decimus Magnus Ausonius heißt der Entdecker der Ruinenschönheit und der letzte Reiseschriftsteller, der das Abendland im goldenen Herbst der vierhundertjährigen Pax Romana sah und beschrieb. Er durchlebte die Atempause zwischen dem alemannischen und dem gotisch-fränkischen Völkerwanderungssturm, half seinem kaiserlichen Schüler Gratian, noch einmal das linksrheinische Bollwerk des Reiches zu sichern und hinterließ uns in seinem Buch "Moseila" ein poetisch verklärtes Bild des Moseltales und seiner "mit altem Gemäuer hervorlugenden Festen".

Von den Burgen Tharandt und Eltz über die Porta Nigra bis Montclair an der Saar und bis zum römischen Wegekreuz der Luxemburg sehen wir noch heute die Trümmer einer gewaltigen Festungsmauer, die über Berggipfel und tiefe Taleinschnitte hinweg den großen Weingarten um Trier umweht zu haben scheint. Allerdings, es ist nur Schein; denn kaum eine dieser Burgen ist römischen Ursprungs.

Freilich, was ist nicht römisch an der Mosel, wenn man den Firnis der letzten paar Jahrhunderte abkratzt? Römisch sind die Weinberge und gewiß noch das Blut in den Adern der meisten Winzerfamilien. Gab es doch noch bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein Dorfschaften romanischer Zunge. Und man wundert sich geradezu, hie und da. auf deutsche Ortsnamen zu stoßen wie Mülheim oder Rißbach – zwischen vier Dutzend offenkundig lateinischen wie Traben (Tabernae), Piesport (Pisonis Portus), Longuich (Longus Vicus), Detzem und Quint, zwischen Weinlagen wie "Kaimond" (Calidus Mons) und "Monteneubel" (Montes nobiles). Die Trierer begnügen sich nicht damit, den Blick der Fremden auf ihre Porta Nigra, auf das Amphitheater und die Kaiserthermen zu lenken. Als Römerstadt hätte Augusta Treverorum kaum ein paar Jahre Vorsprung vor Mainz, Köln und Xanten. "Eher denn Rom stand Trier eintausenddreihundert Jahre", so verkündet eine Inschrift an jenem Hauptmarkt, dessen Errichtung vor "lumpigen tausend Jahren", wie ein vom Fremdenverkehrsamt versandter Aufsatz versichert, nur wegen der kommunalwirtschaftlichen Bedeutung des Marktes, nicht etwa wegen seines Alters in diesen Juniwochen gefeiert wird; für alt gilt hier nur, was vor Julius Cäsar schon bestand.

So zum Beispiel das Vermächtnis der Kelten, die möglicherweise den in spätrömischer Zeit wieder auftauchenden Stadtnamen "Treveris" erfunden haben – und die ersten Holzfässer für den Wein. Keltisch sind wahrscheinlich auch die Ringwälle und Fliehburgen, die zwischen Rhein und Maas vielerorts den mittelalterlichen Ritterfesten vorausgingen.

Sinn und Unsinn der Ruinen

Damit also kommen wir auf die Burgruinen zurück. Was gehen sie uns eigentlich an, diese Denkmale des Faustrechts, Verursacher und Opfer des Zerfalls der im Reiche begründeten staatlichen Ordnung? Wir stellen diese Frage gerade in Trier und verknüpfen sie mit dieser Stadt, weil hier und im benachbarten Luxemburg die "Deutsche Burgenvereinigung" in diesem Jahre ihr Hauptquartier aufschlug und für die Erhaltung historischer Wehrbauten zu werben suchte.

Es mag deren etwa dreitausend geben, wenn wir Pipers Burgenlexikon folgen wollen. Eine zuverlässige Statistik fehlt. Etwa vierhundert sind bewohnbar erhalten, die übrigen Ruinen. Mit dem Wiederaufbau von Ruinen ist im neunzehnten Jahrhundert viel Unsinn getrieben worden, und es besteht auch wenig Neigung, heute mit den Rekonstruktionen fortzufahren. Also bleibt die Aufgabe des Denkmalschutzes, der Erhaltung verfallener Gebäude in dem Zustand des Verfalls, der zu Beginn dieses Jahrhunderts erreicht war. Darin liegt, sowohl technisch als auch psychologisch, ein Widersinn. Eine Ritterhalle ohne Dach müßte man normalerweise vor weiterem Verfall schützen, indem man sie überdacht. Zur Ruine gehört aber der blaue Himmel über den Mauern des Saals. Der Verzicht auf Rekonstruktion bei gleichzeitiger Erhaltung der Ruine ist kostspielig. Oder: man will keine moderne Autostraße den Burgberg hinaufführen; gut und schön, die Besucher sollen laufen. Dafür kann man aber auch keine Betonmischmaschine hinaufbringen, und das erschwert und verteuert wiederum die Instandsetzung. Wir, die wir mit den Ruinen in unseren Städten traurige Erinnerungen verknüpfen, bringen nur ungern Opfer für die Konservierung von Ruinen auf den Bergen.

Über "drückende Steuerlasten" klagen die Burgenbesitzer. Ja freilich, die Erbauer der Burgen waren nicht Steuerzahler, sondern Steuereinnehmer. Nur unter dieser Bedingung "rentierten" sich ihre Besitztümer; daß sie sich heute nicht mehr rentieren, ist vollkommen in Ordnung. Wenn allerdings die Steuerzahler für die Erhaltung derjenigen Burgen herangezogen werden, die zufällig in staatlichem Eigentum stehen, so ist es durchaus verständlich, daß auch die privaten Burgenbesitzer steuerliche Erleichterungen und Zuschüsse für die Erfüllung ihrer denkmalspflegetischen Aufgaben fordern; auch ihre Schlösser bilden Anziehungspunkte für den Fremdenverkehr, von dem die benachbarten Gemeinden profitieren. Etwas zu weit scheint daher das Ansinnen einiger bayerischer Steuerbeamten zu gehen, Eintrittsgelder für die Besichtigung alter Gemäuer zur Vergnügungssteuer heranzuziehen. Die bayerischen Burgenbesitzer wollen nun den Beweis dafür antreten, daß die Besichtigung der betreffenden Folterkammern und Burgverliese überhaupt kein Vergnügen ist.

Immerhin: der an sich nicht rentable Burgenbesitz wird doch in vielfältiger Weise genutzt. Burgschenken, Jugendherbergen und Betriebserholungsheime sind bereits an den Plätzen eingerichtet worden, die Landgraf Philipp der Durstige und Johann der Streitbare von Katzenelnbogen für ihre Zechgelage benutzten. Wenn der heutige Burgmann von Arras an der Mosel seine Überschüsse aus einer in dieser Burg etablierten Orient-Teppich-Handlung ganz in die Erhaltung dieser imposanten Feste steckt – alle Achtung!

Trotz jener Sorgen, trotz aller der Burgenpflege innewohnenden Widersprüche gelang es der "Burgenvereinigung", einige Paradoxa aufzulösen. Burgenbewohner sind Einzelgänger, und doch entwickeln sie mehr und mehr Solidarität. Burgen sind Wehranlagen, Symbole der Territorialzersplitterung und der Fehde; und doch gelang es den Teilnehmern der diesjährigen Burgenfahrt, das Gemeinsame in den Trümmern unzähliger Herrschaftsgründungen zu entdecken. Burg Eltz, Burg Arras, das ummauerte Trier und die Bundesfestung Luxemburg: diese Plätze legen Zeugnis ab für das Scheitern aller früheren Bemühungen um eine einheitliche Staats- und Wirtschaftsentwicklung im Trier-Luxemburger Raum. Trier wurde nicht durch den Untergang des römischen Weltreiches, sondern erst durch den deutschfranzösischen Streit um das Herzogtum Lothringen und durch die preußische Annektion Nassaus, die das Haus Luxemburg der kleindeutschen Sache entfremdete, zur Grenzstadt. Die Montanindustrie im Westen fand darum nur grenzgefährcete Standorte: Diedenhofen, das Saargebiet, Luxemburg.

So waren denn die Herren von der deutschen Botschaft in Luxemburg, der Vertreter der großherzoglichen Regierung und die Vorstandsmitglieder der Deutschen Burgenvereinigung völlig einig in dem Wunsch nach einer noch engeren europäischen Zusammenarbeit, einer noch vollkommeneren Überwindung der Grenzen. Denn das ist tatsächlich der Wert der Burgen und der Sinn der Burgenpflege: Nicht nur romantische Freude an Landschaft und Ruinen zu empfinden, sondern auch die Geschichte neu zu erleben.

Geschichte: das heißt nicht nur Chronik des Verfalls, sondern auch kritische Prüfung der Gegenwart, Erkenntnis der Grenzen, die nicht nur im Gelände abgesteckt waren oder sind, sondern auch unserem Ordnen und Planen von Natur aus gesetzt sind. In diesem Sinne können die Burgen des Mosellandes, in diesem Sinne kann auch das uralte Trier uns zur Besinnung bringen.