J. K., Paris, im Juni

Es ist eine bekannte Sache, daß in Frankreich die Bürger reich und der Staat arm sind. Als Gegenbeispiel wird gern Deutschland zitiert, wo die Bürger arm und der Staat reich seien. Um der Wahrheit gerecht zu werden, sollte man eher sagen, daß die französischen Bürger angesichts der andauernden Inflation und der Verschuldung des Staates noch relativ reich sind. Die Bürger mißtrauen den Regierungen und damit dem Staat; deshalb überlassen sie es ihm, sich zu verschulden und zu verarmen. Das ist auch der Grund, weshalb bisher in Frankreich keine Währungsumstellung vorgenommen werden konnte. Selbst die Gesetzgeber unterstützen diese Auffassung: es ist immer noch besser, daß die Kapitalreserven von denen gehalten werden, die sie am besten zu verwalten mögen – und das ist leider nicht der Staat.

Ausnahmen bestätigen die Regel. De Gaulle und seinem Finanzminister Antoine Pinay scheint es tatsächlich geglückt zu sein, eine Ausnahmesituation zu schaffen. Die Reserven an Gold, Devisen und französischen Noten wagen sich aus den Sparstrümpfen heraus. Das Pariser Abendblatt „France Soir“ hat dies glänzend illustriert. Man sieht de Gaulle und vor ihm in Reih und Glied die mit Goldstücken gefüllten Sparstrümpfe. De Gaulle kommandiert: „Sparstrümpfe! Vorwärts, marsch!“

Die in der vergangenen Woche aufgelegte Index-Staatsanleihe hat einen Anfangserfolg, der alle Erwartungen übertrifft. In den ersten vier Tagen der Emission sind in die Keller der Bank von Frankreich mehr Goldbarren und Goldstücke geflossen, als während der ganzen siebenwöchigen Emissionsdauer der ersten Pinay-Anleihe, nämlich über 35 Tonnen. Das sind zwar nur etwa 1 bis 1,5 v. H. der in Frankreich vermuteten privaten Goldreserven. Aber dieser erste Elan der Goldbesitzer hat ein Vertrauensklima geschaffen, das der Anleihe einen vollen Erfolg verspricht. Es verlautet, daß – die Emission bei einem Zeichnungsergebnis von etwa 400 Mrd. ffrs. geschlossen werden soll. Der Staat wird bei einem solchen Ergebnis aller Sorgen hinsichtlich der Erfüllung seiner inneren und äußeren Verpflichtungen bis Ende dieses Jahres enthoben sein. Das würde bedeuten, daß die Regierung einen Bittgang bei ausländischen Kreditgebern im Spätherbst dieses Jahres nicht mehr ins Auge zu fassen braucht.

Es ist möglich, daß die Regierung im Herbst oder Vinter eine nur mit Gold oder Devisen zu zeichnende Anleihe auflegen wird, um dem Staat die Mittel zur Begleichung des Zahlungsbilanzdefizits im nächsten Jahr zu verschaffen. Jedenfalls ist die Regierung dabei, die erste Schlacht zur Stärkung der Staatsfinanzen zu gewinnen. Es ist ein guter Anfang – aber doch nur ein Anfang.