London, im Juni

Wer nur die ausländischen Zeitungen während der vergangenen Wochen las, mußte den Eindruck gewinnen, England sei vollkommen lahmgelegt durch den Streik der Busleute, der Arbeiter auf dem Fleischmarkt und der Dockarbeiter. Wer hingegen diese Zeit in London verbrachte, konnte kaum ein nennenswertes Ungemach feststellen.

Vor einigen Monaten, als die Regierung begann, endlich die Lohnforderungen abzustoppen, und damit der Inflation zuleibe zurücken, hatten viele besorgte Beobachter großen Ärger mit den Gewerkschaften vorausgesagt. Mißt man nun den Ärger, der tatsächlich entstanden ist, an diesen Prognosen – dann scheint es doch so, als sei alles recht glimpflich abgelaufen.

Was war denn überhaupt passiert? Nehmen wir zunächst einmal den Busstreik, der in der letzten Woche beigelegt werden konnte, nachdem die Londoner 50 Tage auf ihre berühmten roten Doppeldeckerbusse hatten verzichten müssen. Der Streik war ausgelöst worden durch eine Entscheidung des Industrial Court-. Dieses Schiedsgericht hatte die Forderung der Bu.sleute, die eine Zulage von 6 Mark je Woche für alle auf den Bussen Beschäftigten verlangten, zurückgewiesen und statt dessen nur den im Zentrum der Stadt arbeitenden „Bus-Besatzungen“ eine Zulage von 5 Mark zugebilligt. Die allmächtige Transport- und Allgemeine Arbeitergewerkschaft warf daraufhin der Regierung vor, sie habe den (theoretisch unabhängigen) Industrial Court in unzulässiger Weise dadurch beeinflußt, daß sie ihn aufforderte, bei seiner Entscheidung die allgemeine wirtschaftliche Lage des Landes mit in Betracht zu ziehen. Das, so hieß es, bedeute einen Bruch mit der alten Tradition unabhängiger Schlichtungsverfahren.

Ergebnis des Streiks war, daß die Busbesatzungen der Innenstadt 5 Mark Zulage bekamen – genau die Summe, die die Schlichtungsinstanz von Anfang an vorgeschlagen hatte. Den anderen wurde versprochen, daß ihre Lohnforderungen noch einmal überprüft werden sollten. Insgesamt hat der Streik rund 35 Millionen Mark gekostet. Zwei Drittel dieser Summe müßte die (verstaatlichte) Londoner Transport-Gesellschaft tragen und ein Drittel die Gewerkschaft.

Durch diesen Streik wurden die Beziehungen zwischen Gewerkschaft und Staat aufs neue ins Blickfeld gerückt. Als untere Gewerkschaftsorgane forderten, der Ausstand solle auch auf die Arbeiter in den Versorgungsbetrieben ausgedehnt werden, stand die Gewerkschaftsleitung vor der Entscheidung, einen Kampf zu beginnen, der sie in unmittelbaren Konflikt mit der Regierung bringen würde – oder zurückzustecken. Dies war die vielleicht schwerste Entscheidung seit dem großen Generalstreik von 1926. Die Gewerkschaftsleitung sprach sich schließlich gegen eine Streikausdehnung aus.

Das Problem indes, das hinter diesen Vorgängen liegt, bleibt bestehen. Wenn die Regierung bei den verstaatlichten Betrieben sozusagen als Arbeitgeber auftritt und wenn die Arbeiter in diesen Betrieben das Recht zum Streik haben – dann ist eben die Gefahr für die Gewerkschaften sehr groß, zwangsläufig in einen unmittelbaren Konflikt mit dem Staat zu geraten. Bisher besteht keine Hoffnung, daß dieses Problem irgendwie gelöst werden könne.