Wenn das zwanzigste Jahrhundert, wie einmal behauptet wurde, wirklich ein Jahrhundert der-Plastik sein (oder werden) sollte, dann gebührt daran dem Bildhauer Jacques Lipchitz ein entscheidendes Verdienst. Seine Kunst ist zwar von den ’deutschen Museen noch nicht erkannt worden. Aber was will das bei der Beurteilung von lebenden Künstlern schon bedeuten?

Im Rijksmuseum Kröller-Müller, also nahe der deutsch-holländischen Grenze, ist bis zum 21. Juli die mustergültig aufgebaute Ausstellung der Werke von Jacques Lipchitz aus den Jahren 1911 bis 1957 zu sehen. Die Schau war vorher schon im Stedelijk Museum von Amsterdam und soll noch durch einige europäische Großstädte wandern.

Jacques Lipchitz’ Rang gründet sich nicht nur auf den kubistischen Werken der Pariser Jahre. Lipchitz besitzt – ähnlich wie Picasso – die Kraft, sich immer wieder zu erneuern. Er vermochte sich treu zu bleiben, ohne im Alter die Tradition seiner Jugend zu kultivieren.

Seine „transparente“ Plastik um 1925 oder das expressive, durch barocke Bewegung schwerer Körpermassen charakterisierte Schaffen der dreißiger Jahre sind nicht weniger bedeutungsvolle Entwicklungsstufen als jene strenge Phase des konstruktiven Kubismus. Noch im vorigen Jahr überraschte Lipchitz die Welt der Kunst durch seine „halbautomatischen Skulpturen“, deren aufsehenerregende Vorstellung in der New Yorker Eine Arts Associates Gallery ich miterlebte. Von diesem großen Reichtum eines bildhauerischen Lebenswerkes legt die Ausstellung in Holland ein überwältigendes Zeugnis ab.

Lipchitz stammt – wie viele hervorragende Bildhauer unserer Zeit – aus Osteuropa. Er wurde 1891 in dem litauischen Städtchen Druskieniki als Sohn eines Bauunternehmers geboren. Im Oktober 1909 kam er nach Paris und schloß sich nach anfänglichen Akademiestudien dem Freundeskreis der Kubisten im „Bateau-Lavoir“ an. Mit den frühesten realistischen Bildwerken widersetzte er sich jedoch noch ihrer neuen Formensprache.

Erst 1914 begann er, mit prismatischen Elementen Skulpturen zu „erbauen“ und wie Henri Laurens, sein gleich bedeutender Weggenosse jener Jahre, das kubistische Stilleben in flaches Relief zu übertragen. Die Beispiele dieser kristallinischen, aber stets anthropomorphen Bildnerei – meist Statuen mit dem klassischen Attribut der Kubisten, der Guitarre – sind das Kernstück der Ausstellung. Ihr Reichtum an formalen Variationen, die erfinderische Ordnung der Formkristalle und das rhythmische Spiel von Licht und Schatten zeichnen die Frühwerke des „bâisseur de vie“ (ein Wort, das er auf sich selber prägte) als bleibende Leistungen der Plastik im 20. Jahrhundert aus. Sie sind dem malerischen Werk von Georges Braque oder Juan Gris, einem intimen Freunde Jacques Lipchitz’, ebenbürtig.

Die blockhaften schweren Formen der konstruktiven Periode wurden dann 1925 durch die „transparenten“ Plastiken abgelöst. Lipchitz arbeitete nun mit geöffneten, von zarten beweglichen Gliedern umgriffenen Raumvolumen. Damit markierte er einen neuen Abschnitt in der Entwicklung der neueren Bildhauerkunst, ohne den eingeschlagenen Weg, auf dem ihm jüngere Künstler gefolgt sind, weiter auszubauen. Sein lebendiger Geist ließ keine Festlegung auf ein bestimmtes Programm zu. Daher findet man in der Ausstellung oft erste Würfe, die später von anderen aufgegriffen wurden: Typisches Beispiel ist der „Kopf“ von 1932, dessen innenräumliche Formen in Henry Moores „Heimet Head“ von 1950 wieder vorkommen!