Eppan bei Bozen im Juni

Die wenigen Feriengäste der „Goldenen Traube“ starrten zur nahen Wand des 900 m hohen Grandegger-Kofl hinüber. Dort hing mitten im steilabfallenden Felsen die rotweiße Tiroler Landesfahne. Es mußte eine verwegene Kletterpartie gewesen sein, sie dort anzubringen. Die Einheimischen, zumeist kenntlich durch ihre blaue Arbeitsschürze, die sie selbst am Sonntag, aber dann piksauber und frisch geplättet, über der Hose tragen, schmunzelten vergnügt, „’s Verbotene reizt halt b’sonders“, sagte eine alte Bäuerin verständnisinnig lächelnd.

Ganz Tirol feierte an diesem Sonntag, von Innsbruck über den Brenner hinweg bis zur Sprachgrenze in Salurn, das Herz-Jesu-Fest. „Es wäre billig, wenn man darin nur eine Art religiösen Brauchtums erblicken wollte“, schrieb der Leitartikler der ‚Dolomiten“. Vor über hundertfünfzig Jahren, als Napoleons Heer auch das Tirolerland besetzt hielt, wurde „der Bund mit dem Herzen Jesu geschlossen, aus Dankbarkeit für erhaltenen Schutz und in fester Zuversicht auf weiteren Schutz des göttlichen Herrn für das Land Tirol“.

Seitdem wehen an diesem Tag in jedem Jahr die rotweißen Fahnen in den Tiroler Dörfern, und abends leuchten von allen Bergen die Flammenzeichen. Die italienischen Behörden haben anscheinend in diesem Jahr Anweisung gegeben, großzügig über die Fahnen hinwegzusehen. So wie oberhalb Eppan im Berg, so wehten an diesem Junisonntag auch in anderen Dörfern Südtirols die rotweißen Fahnen. In dem alten Weindorf Kaltem hatten die jungen Burschen vor dem Portal der Barockkirche zwei Fahnen auf Masten gehißt und dazu eine Ehrenwache in alter Tracht gestellt, und noch etwas weiter südlich in Tramin, wo das deutsche Blut anscheinend noch heißer rollt, wehten die ganze Dorfstraße entlang die alten Tiroler Fahnen. In den Kirchen, in denen morgens der Tag mit einem Festgottesdienst begangen wurde, verteilte man zu Hunderten, in der Größe von Heiligenbildchen, den bunten Druck des historischen Bozener Herz-Jesu-Bildes, auf dessen Rückseite das Herz-Jesu-Bundeslied zu lesen war:

„Auf zum Schwur, Tirolerland / heb zum Himmel Herz und Hand! / Was die Väter einst gelobt / da der Kriegssturm sie umtobt / das geloben wir aufs neue / Jesu Herz, dir ewige Treue.“ So lautet der erste Vers, und im letzten Vers heißt es: „Lästern uns die Feinde auch / Treue ist Tiroler Brauch.“ Mehr Feuer als in früheren Jahren brannten an diesem Junisonntag auf allen Bergen. In den Dolomiten hatte die Jugend in vielen der steilsten Felswände die Flammen entzündet. Die mächtige Schloßruine von Sigmundskron bei Bozen glühte im Schein rotweißen Lichts und mitten drinn in Flammenschrift das – wie es im „Dolomiten“-Bericht am nächsten Tag hieß – „unvergängliche, unserem Herzen unverlierbar heilige Wort Tirol“. Der 1800 m hohe Kamm der Mendel strahlte wie ein Diadem.

Der Besucher aus Westdeutschland, der diesen Tag im sonnigen Südtirol mit seinen zahlreichen Burgen und Schlössern, mit seinen reichen Weingärten erlebte, mag sich dabei bewußt geworden Sein, daß Tirol als erstes Land in diesem Jahrhundert das tragische Schicksal erlitt, geteilt zu werden und zwei Nationen anzugehören. Die Südtiroler, die sich nur ungern in ein politisches Gespräch einlassen, wissen mehr als die Menschen in anderen Ländern, daß sie alles von einem geeinten Europa, aber nichts von Streit und Krieg zu erhoffen haben. Hans Barkhausen