25. Dezember 1947

Lieber Kantor,

Deine beiden Briefe haben mich erquickt. Ich wollte Dir gleich nach dem ersten danken – aber die eingeborene Widerspanst gegen Briefschreiben (war das vielleicht die berüchtigte „Erbsünde“? – das wird sie gewesen sein) schob es hinaus.

Gleichviel. Ich bin mir immer der Verbundenheit mit Dir bewußt – ob Du in Spanien bist oder mal zwangsweise in den „Staaten“ oder ehrenvoll zurück in Berlin. Es sind auf der hiesigen Wanderschaft nicht viele, von denen man fest glaubt, daß man an sie fest glaubt. Mir geschah das mit Dir. Dazu in einem lächerlich bösen Zeitabschnitt. Ich grüße Dich herzlich

Alfred Kerr

Ruhpolding, 28. August 1949

Die Hefte von „Ost und West“, welche Sie die Güte hatten, mir zu senden, erhielt ich kurz vor meiner Abreise. Ich las zwei Nächte darin, fast ohne zu schlafen, so sehr ergriff mich etwas in den Heften, was Ihnen vielleicht nicht so wichtig erscheint und was Sie mir vielleicht verübeln: ich las, wie ich einst als ganz junger Mann die ersten Hefte von Schickeies „Weißen Blättern“ las, in denen ja auch Politik war, aber nicht nur Politik, sondern der unbeschreibliche Duft von Literatur, der in Deutschland verlorengegangen zu sein scheint – und dazu natürlich das leidenschaftliche Ringen um Gerechtigkeit und Würde. Menschlich haben mich besonders Ihre Beiträge und die von Scheer angerührt. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn ich denke, es sei mir manches erst klargeworden.