Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

25. Dezember 1947

Lieber Kantor,

Deine beiden Briefe haben mich erquickt. Ich wollte Dir gleich nach dem ersten danken – aber die eingeborene Widerspanst gegen Briefschreiben (war das vielleicht die berüchtigte "Erbsünde"? – das wird sie gewesen sein) schob es hinaus.

Gleichviel. Ich bin mir immer der Verbundenheit mit Dir bewußt – ob Du in Spanien bist oder mal zwangsweise in den "Staaten" oder ehrenvoll zurück in Berlin. Es sind auf der hiesigen Wanderschaft nicht viele, von denen man fest glaubt, daß man an sie fest glaubt. Mir geschah das mit Dir. Dazu in einem lächerlich bösen Zeitabschnitt. Ich grüße Dich herzlich

Alfred Kerr

Ruhpolding, 28. August 1949

Die Hefte von "Ost und West", welche Sie die Güte hatten, mir zu senden, erhielt ich kurz vor meiner Abreise. Ich las zwei Nächte darin, fast ohne zu schlafen, so sehr ergriff mich etwas in den Heften, was Ihnen vielleicht nicht so wichtig erscheint und was Sie mir vielleicht verübeln: ich las, wie ich einst als ganz junger Mann die ersten Hefte von Schickeies "Weißen Blättern" las, in denen ja auch Politik war, aber nicht nur Politik, sondern der unbeschreibliche Duft von Literatur, der in Deutschland verlorengegangen zu sein scheint – und dazu natürlich das leidenschaftliche Ringen um Gerechtigkeit und Würde. Menschlich haben mich besonders Ihre Beiträge und die von Scheer angerührt. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn ich denke, es sei mir manches erst klargeworden.

Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

Kasimir Edschmid

Murnau den 14. November 1949

Lieber Herr Kantorowicz!

Ich bin ganz entsetzt über die Nachricht, die Sie am 5. November meiner Frau gaben. Ich wüßte keine wichtigere Aufgabe als die Lösung des Ost-West-Problems, und da soll die Zeitschrift nicht mehr erscheinen? Eigentlich sollten diejenigen, die sich immer über die deutsche Uneinigkeit entrüstet haben, zusammenhalten ... Nun, ich habe mich daran gewöhnt, daß das Menschenleben kurz ist, und daß alles das, was man in wenigen Jahren zu erreichen hoffte, im günstigsten Falle Jahrzehnte später halb geschieht.

Ihr Walter von Molo

Pacific Palisades, California 11. Februar 1950

Sehr geehrter Herr Kantorowicz!

Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

Für eine schöne, reiche Sendung habe ich Ihnen zu danken: ihr Buch "Deutsche Schicksale" und die Hefte von "Ost und West", unter denen ja leider auch das ist, das das Ende dieser Zeitschrift anzeigt. Ich bedaure dies Verschwinden aufrichtig, denn "Ost und West" hat mir persönlich oft Schönes und Bedeutendes geboten, und ich betrachte den Hingang des Blattes als einen entschiedenen Verlust. Für Ihre freie Arbeit mag die Entbindung von den Redaktionspflichten ein Vorteil sein, und das nehme ich als die gute Seite der Sache.

Seien Sie nochmals herzlichst bedankt und nehmen Sie meine besten Wünsche für Ihr persönliches Wohlergehen und für Ihre Arbeit!

Ihr ergener Thomas Mann

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Montagnola, Ende November 1956

Hochgeschätzter Herr Prof. Kantorowicz

Danke für Ihren Brief und die anderen Sendungen. Die Ausschnitte habe ich gelesen. Sie müssen sich da mit Stufen der Ignoranz und brutalen Primitivität auseinandersetzen, die mir aus der Zeit der Hitlerjugend bekannt sind. (Kantorowicz hatte die rohen Reimereien des SED-Dichters Kuba kritisiert. Die Red.) Ich fürchte, es sei vergebliche Mühe und schade um Ihre Kraft und Geduld.

Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

Mit guten Wünschen grüßt Sie ihr

Hermann Hesse

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Berlin-Wilmersdorf‚ den 23. August 1957

Sehr geehrter Herr Professor Kantorowicz!

Mit Erschütterung habe ich Ihre gestrige Rundfunkerklärung gehört. Gestatten Sie mir in diesen für Sie so entscheidenden Tagen das Wort an Sie zu richten als einer jener jungen Leute, die im überfüllten Auditorium Maximum der Humboldt-Universität im Sommermester 1950 Ihre Lehre über die deutsche Gegenwartsliteratur hören durften.

Sehr geehrter Herr Professor, Ihr Schritt mußte zwangsläufig kommen, und ich darf Ihnen sagen, daß sicherlich die meisten Ihrer damaligen Studenten, die in der Zwischenzeit nach Westberlin und in die Bundesrepublik gegangen sind, von Ihrem Schritt mit großer Erleichterung gehört haben.

Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

Es ist wahr, daß wohl die meisten von uns damals Ihrem Enthusiasmus Reserviertheit entgegengesetzt haben, wenn Sie von Ihrer, Bredels und anderer Leute Tätigkeit für die kommunistische Weltrevolution in der Internationalen Brigade in Spanien sprachen. Es stimmt, daß Skepsis Platz griff, wenn Sie mit großer Oberzeugung äußerten, daß die DDR der Platz des Emigranten sei, ganz gleich, ob er die Kriegszeit in der UdSSR oder in den USA zugebracht hat.

...Aus allem, was Sie damals sagten, ging aber auch hervor, daß Sie keiner jener Fanatiker waren, die ihre Persönlichkeit und Menschlichkeit einer Idee zum Opfer brachten, die immer mehr von ihrer ursprünglichen Wahrheit und Humanität verloren hatte. Sie haben gekämpft mit einer stets wachsenden Menge von Gegenargumenten. Sie haben sich lange Zeit verschlossen gegen die Tatsachen, Sie haben nicht eingestehen können, daß die Wirklichkeit Ihren Traum von der kommunistisch regierten gerechteren Welt nicht mehr rechtfertigte.

Dieses Ringen, das sicherlich begann, als Sie deutschen Boden wieder betreten haben, ist nun zu Ende. Sie haben endlich öffentlich Partei ergriffen für eine Welt, auf deren Seite Sie innerlich längst gestanden haben und abermals Stellung bezogen gegen all das, was Sie damals, in den Jahren seit 1935, bekämpft haben. Das Opfer Ihrer Schriften, Pläne und Bücher, das jeden Wissenschaftler im tiefsten ergreifen muß, es ist nicht umsonst gebracht.

Für uns, Ihre ehemaligen Studenten, und alle, die Sie kannten und verehrten, sind Sie durch den Bruch mit dem Kommunismus Ulbrichtscher Prägung wieder rein geworden. Halten Sie sich diese Tatsache immer wieder vor Augen und seien Sie versichert, daß unser aller Sympathie Sie auf Ihrem schweren Weg begleiten wird!

Mit vorzüglicher Hochachtung

Christian Velder

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Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

Wilhelmshaven, den 18. Oktober 1957

Sehr verehrter Herr Professor Kantorowicz,

Es ist vielleicht möglich, daß Sie sich meiner, des ehemaligen Studenten und Examenskandidaten (Thomas-Mann-Arbeit) noch erinnern, und wenn nicht, so macht es auch weiter nichts. Jedenfalls hatte ich Ihnen schon viel früher schreiben wollen.

Besonderer Anlaß, Ihnen zu schreiben, ergibt sich nun angesichts Ihres aufsehenerregenden, die Situation des geistigen Lebens im Ulbricht-Staat besonders grell beleuchtenden Schrittes. Nur derjenige, der selbst einmal von der Ideologie der marxistischen Gesellschafts- und Heilslehre fasziniert worden ist und zugleich die deprimierende Alltagsentwicklung des ostzonalen Bonzen-Sozialismus erlebt und erlitten hat, also die grauenhafte Kluft zwischen Theorie und Praxis, nur der vermag zu ahnen, wie schwer Ihnen dieser Schritt gefallen sein muß.

Mit besten Wünschen und herzlichen Grüßen

Harald Kohtz

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Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

München, 5. März 1958

Sehr verehrter Herr Professor!

Wenn ich Ihnen heute einige Zeilen schreibe, so deshalb, um Ihnen meinen Dank zu sagen. Dank für Ihre mutigen und klaren Ausführungen in der "Berliner Zeitung" vom 14. Juni und 19. September 1956. Zur Zeit der Veröffentlichung Ihrer beiden Artikel: "Gewissen und Mahner des Volkes" und "Friedenstüchtigkeit" befand ich mich als politischer Häftling in der Strafanstalt Torgau und hatte bereits einige obligatorische Stationen, wie Kellerhaft, psychologische Tortur, Prozeß vor einem SED-Gericht und unzählige Demütigungen hinter mir. Die letzten Illusionen über Humanität und Vernunft wurden restlos zerschlagen.

Es war daher eine kleine Sensation für die politischen Häftlinge Torgaus, als Ihr erster Artikel erschien (wir durften zu dieser Zeit die BZ wieder lesen), in dem offen ausgesprochen wurde, was viele von uns dachten und wofür mancher so hart hat büßen müssen. Spiegelt doch dieser Artikel den tiefen Riß wider, der durch die gesamte kommunistische Welt geht, aber durch einseitige Information der SED-Presse unsichtbar gemacht werden soll.

Nach dem einsetzenden Chruschtschow-Tauwetter im Frühjahr 1956 schien dieser Artikel eine logische Fortsetzung der relativ freien Meinungsäußerung zu sein. Ihr frontaler Angriff gegen die "Stimme und Faust"-Ideologie gab vielen Häftlingen, darunter auch mir, in bedeutendem Maß Mut und Widerstandskraft, die täglichen Widerwärtigkeiten und tiefen Demütigungen zu ertragen. Denn gerade dieser "Stimme und Faust"-Ideologie waren wir ja zum Opfer gefallen. Der Durst nach derartiger Lektüre wurde dann mit Ihrem zweiten Artikel noch mehr angefacht – jenem Artikel, in dem Sie sich offen gegen die Gewalt und Brutalität in jeder Form aussprechen. Gerade das war es ja, wogegen wir alle uns gewandt hatten.

"Der Lüge sollen wir die Wahrheit gegenüberstellen – immer eingedenk, daß auch die bitterste Wahrheit besser ist als der frömmste Selbstbetrug."

Gerade dieser von Ihnen geprägte Ausspruch steht und stand im krassen Widerspruch zur SED-Praxis, und die monatelangen Verhöre bei den Schergen des SSD haben das glatte Gegenteil bewiesen.

Zeugen und Briefe aus einem Jahrzehnt

Ich begrüße Sie hochachtungsvoll als

Ihr Hans-Joachim Stöhr