Die A-Bomben waren schlechte Waffen im Wahlkampf

Ein bekannter Bonner Politiker, der sehr rege am Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen teilnahm und daher über alles Für und Wider gut Bescheid wußte, sagte ziemlich lange vor der Wahl: „In dieser Kampagne wird auf beiden Seiten so viel von der atomaren Rüstung geredet, daß Adenauer, wenn er mehr als die Hälfte der Stimmen bekommen sollte, mit Recht behaupten könnte, die Bevölkerung habe seine Rüstungspolitik gebilligt.“ Dieser Politiker gehört nicht zur CDU, sondern zur Bonner Opposition. Nun, Adenauers Partei hat mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten. Jene theoretische Schlußfolgerung hat also inzwischen eine praktische Bedeutung bekommen.

Die Mehrzahl der Wähler Nordrhein-Westfalens (und das sind fast ein Drittel aller Wähler der Bundesrepublik) hat bekundet, daß ihr Vertrauen zu Adenauer größer ist als ihre Angst vor einem Mißbrauch der Atomwaffen. Der Mann auf der Straße denkt nicht an die Gefahren von übermorgen. Ihn bewegen die Sorgen von heute. Ob er weiter gute Geschäfte machen, seinen Posten behalten, seinen Lohn ungekürzt weiter bekommen wird – das sind die Fragen, die ihn aufhorchen lassen. Er hört und liest, daß es in Amerika einen Konjunkturrückschlag gibt, daß auch in anderen Ländern die Wirtschaft nicht so blüht wie bei uns. Adenauer und Erhard gelten ihm als Garanten dieser Wirtschaftsblüte.

Er wählt sie auch dort, wo sie gar nicht für ihn wirken können: in sein Regionalparlament, das nicht eine Regierung, sondern nur eine Verwaltung zu kontrollieren hat. Denn von dem indirekten und auch begrenzten Einfluß, den ein Landesparlament auf die Bundespolitik durch das Mitspracherecht im Bundesrat ausüben kann, dürfte der Durchschnittswähler nicht allzuviel wissen. Ihn interessiert kaum, daß die CDU, die schon vorher im Bundesrat die Mehrheit hatte, nun dort die Zweidrittelmehrheit besitzt.

Um solche Details sorgen sich die Politiker und eine kleine Gruppe politisch interessierter Leute. Die anderen wählen gefühlsmäßig. Und Adenauer versteht, es, ihr Gefühl anzusprechen und zu formen. Wenn sich seine Gegner etwas darauf zugute halten, daß sie den Wahlkampf „sachlicher“ geführt hätten (so besonders sachlich waren ihre Argumente im Streit um die atomare Rüstung ja auch nicht gerade), dann geben sie damit zu, daß es ihnen an Gespür für die Akzente fehlt, die auf die Massen Eindruck machen. Der Wähler gibt dem seine Stimme, von dem er glaubt, „der wird’s schon machen“. Sich dieses Vertrauen zu erwerben, darauf kommt es an.

Die Rolle der Kirche

Nun kommt freilich zu der Überlegenheit Adenauers, seiner Gabe der Vereinfachung, einem gehörigen Schuß politischer Rücksichtslosigkeit und der Autorität eines so angesehenen alten und höchst erfolgreichen Mannes noch etwas hinzu. Der Kanzler hat auch mächtige Bundesgenossen. Wohl der mächtigste unter ihnen, weil er über Gefühlswerte herrscht, die manchmal stärker in die Waagschale des Wahlentschlusses fallen als politische Überlegungen, ist die katholische Kirche. Sie hat ihren großen Einfluß auch bei dieser Wahl wieder in sehr massiver Weise der Christlich-demokratischen Union nutzbar gemacht. Es gibt Warner – und es sind nicht die schlechtesten unter den Gläubigen –, die in einer solchen Profanierung des ewigen Auftrages der Kirche eine Gefahr erblicken, eine Gefahr gerade auch für die Kirche selbst.