Wien, Mitte Juli

Das Verfahren gegen Imre Nagy und seine Gefährten konnte fast völlig geheimgehalten werden. Hingegen sind in letzter Zeit Nachrichten in Wien eingetroffen, die nur wenig Zweifel lassen, daß die ungarischen Machthaber einen weiteren, ihnen unbequemen Menschen beseitigen wollen. Es ist dies die Witwe Rajks.

Rajk, einst ungarischer Außenminister, war hingerichtet worden, weil er sich der Politik Rakosis widersetzt hatte. Man hatte damals die unglückliche Frau vor der Hinrichtung Rajks in eine Zelle gesperrt, von der sie im Morgengrauen die Schüsse hören konnte, die ihren Mann töteten.

Im Oktober 1956 fand sich der Platz, wo Rajk verscharrt worden war. Seine Leiche wurde ausgegraben und würdig bestattet. Dieses zweite Begräbnis, an dem eine riesige Menschenmenge teilnahm, wurde zu einer Demonstration gegen die Verbrechen des Rakosi-Regimes. Ference Münnich, der gegenwärtige Ministerpräsident, stellte damals fest: „Rajk ist von sadistischen Verbrechern getötet worden, die aus dem Sumpf des Persönlichkeitskultes ans Tageslicht gekrochen sind.“

Der Mittelpunkt dieser Begräbniszeremonie war die Witwe Rajks, bleich und ernst, mit Augen, die sich ans Tageslicht noch nicht völlig gewöhnt zu haben schienen. Sie hatte die Arme um ihren Sohn gelegt, schutzgebend und schutzsuchend. Man lies sie einige Sätze sagen, die der damaligen politischen Strömung zu entsprechen hatten – nicht dem Gefühl einer gequälten Frau: „Ich möchte teilhaben an dem neuen Leben des Landes, teilhaben im Sinne der Parteirichtlinien und der Parteidisziplin aber nicht im Sinne blinden Gehorsams, sondern im Sinne der Parteidemokratie, in der das einzelne Parteimitglied... das Recht hat, Kritik zu üben, wenn es sein muß, auch an den höchsten Führern

Das war zur Zeit der Abkehr vom Personenkult nach dem XX. Parteikongreß. Daß die Witwe Rajks in Wirklichkeit unendlich müde und eingeschüchtert war und voll Verlangen nach ein bißchen Ruhe und Sicherheit, das zeigte sich in den Tagen des Aufstandes. Nach allem, was wir wissen, hat sie an ihm nicht teilgenommen.

Warum also soll sie jetzt verschwinden? Wohl darum, weil sie, bliebe sie am Leben und in Freiheit, so etwas wäre wie ein lebendiges Monument, so etwas wie die letzte Erinnerung an den ersten Hauch der Freiheit. Die letzte Erinnerung auch an Worte, die damals Kadar und Münnich selbst gesprochen haben und die sie heute in bösen Angstträumen zu verfolgen scheinen.

Janko Musulin