Durch die jüngsten devisenpolitischen Maßnahmen der Bundesbank wurde die Kapitaleinfuhr aus dem freien Währungsraum im wesentlichen freigegeben. Gegenüber dem Verrechnungsraum gelten weiterhin eine Reihe von Verboten; sie haben vor allem den Zweck, einen „Währungsabstieg“ zu verhindern: es soll nicht ohne weiteres möglich sein, weiche Währung nach Deutschland einzuführen und sie als harte wieder zurückzunehmen. Gegenüber dem Verrechnungsraum ist die Kapitaleinfuhr jedochfrei, wenn sie einer echten internationalen Verschmelzung dient, das heißt, wenn Beteiligungen an deutschen Unternehmen erworben, Niederlassungen gegründet oder Grundstücke gekauft werden. Mit dieser Liberalisierung will die Bundesbank keineswegs das Signal für eine zusätzliche Ausland Verschuldung geben, sondern Hürden im internationalen Kapitalmarkt beseitigen. Damit soll eine Art von Integration gefördert werden, die unabhängig ist von allen Gesichtspunkten der Tagespolitik.

Die Deutsche Bundesbank hat alle zur Zeit möglichen und marktkonformen Maßnahmen ergriffen, um die Anreize zur Kapitaleinfuhr zu verstärken. Das Zinsniveau wurde bereits weitgehend demjenigen anderer Industrieländer mit harter Währung angepaßt. Das war möglich, weil die Kapitalbildung in Deutschland gegenwärtig stärker ist als die Nachfrage nach Investitionsmitteln. Nach dem Abschluß des Wiederaufbaues ist diese Erscheinung natürlich. Eigentlich müßte sich jetzt von Deutschland aus ein Kapitalstrom nach außen in Bewegung setzen; er müßte vor allem in die unterentwickelten Länder fließen. In Wirklichkeit zeigt aber die Kapitalausfuhr zur Zeit eine sinkende Tendenz. Im Jahre 1956 wurde ein deutsches Investitionsvolumen im Ausland von 526 Mill. DM gemeldet; 1957 waren es nur 494 Mill. DM, und im ersten Quartal 1958 beläuft sich die Jahresrate des Kapitalexportes noch auf knapp 360 Mill. DM.

Warum findet das private Kapital heute nicht der Weg zur höheren Rendite, also in die Entwicklungsländer, wie in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg? Die Gründe liegen offen zutage Privatkapital sucht nicht nur eine gute Verzinsung, sondern vor allem auch Sicherheit. Diese Voraussetzungen waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfüllt, als Deutschland mit Hilfe des englischen Kapitals seine Industrie aufbaute Schon im 18. Jahrhundert galt in der zivilisierten Welt eine einheitliche Rechtsordnung und herrschten gemeinsame Ansichten über die kaufmännische Moral. Als Beleg sei an die Worte von Alexander Hamilton im Jahre 1794 anläßlich der Verteidigung von Artikel X des JAY-Treaty erinnert:

„Keine Macht der Sprache, die mir zur Verfügung steht, kann den Abscheu ausdrücken, den ich fühle bei dem Gedanken, daß auf Grund von Streitigkeiten zwischen einer Nation und einer anderen Eigentum von Einzelpersonen verletzt werden könnte, welches in Friedenszeiten auf rechtmäßiger Basis der Treuhänderschaft unserer Regierung und unserer Gesetze anvertraut worden ist. – Nach meiner Meinung wäre eine solche Verletzung nach den Grundsätzen der Moral und der politischen Vernunft verabscheuungswert.“

In den letzten Jahrzehnten hat selbst die westliche Welt diese Grundsätze aufgegeben – sie zeigt mindestens keine Neigung, sie noch länger zu verteidigen, wenn dies den Tagesinteressen widerspricht. Können wir uns daher wundern, wenn Völker, deren Wurzeln in Kulturen mit anderen Rechtsauffassungen reichen, sie nicht von uns übernehmen? Liegt es für sie nicht näher, sich statt dessen an Lenins Theorie vom ökonomischen Imperialismus zu erinnern, nach der die alten Industrieländer ihre Erzeugnisse exportieren müssen, weil sie sonst im Überfluß der Investitionsgüter ersticken? Aus der Erkenntnis dieser Motive erklärt sich auch das „gezeiten-widrige“ Fließen der Kapitalströme.

Die Welt muß jedoch so oder so zu privaten internationalen Finanzbeziehungen zurückkehren, um die Kräfte frei zu machen, die sich nur in einer echten Marktwirtschaft entfalten können. Voraussetzung dafür ist die Schaffung – und Anwendung! – eines in der zivilisierten Welt übereinstimmenden privaten Rechtes. W.R.