Von Marion Gräfin Dönhoff

Man sagt, Generale bereiteten nie den zukünftigen, sondern immer den Krieg vor, den sie gerade verloren haben. Genauso unangemessener Methoden bedienen sich die Politiker, die die Fehler der Vergangenheit dadurch wiedergutmachen wollen, daß sie ständig auf der Lauer liegen, um das nächste Mal den Beginn der vorigen Katastrophe schon im Keim zu ersticken.

So einfach aber ist das nicht, weder für den einzelnen noch für die Völker. Es gibt unerschöpflich viele und immer neue Fehlerquellen, und der gute Wille allein reicht eben nicht aus. Im Gegenteil, der Eifer, mit dem der Westen einen zweiten Sonderfall Hitler zu verhindern trachtet, indem er Gamal Abdel Nasser das Wasser abzugraben versucht, läßt ihn neue Fehler begehen, deren Konsequenzen unabsehbar sind.

Gewiß ist Nasser wie Hitler ein Diktator. Gewiß ist Nassers Ziel Großarabien. Aber Hitlers Ziel war nicht allein Großdeutschland (selbst 1925 nicht, wie man in der ersten Auflage von Mein Kampf nachlesen kann). Vor allem aber ist die Situation der unterentwickelten arabischen Länder, die nach ihrem Kalender das Jahr 1378 schreiben und deren Bevölkerung zu 80 v. H. aus Analphabeten besteht, fundamental verschieden von der des Volkes der „Dichter und Denker“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Man sollte endlich zur Kenntnis nehmen, daß folgender Unterschied zwischen Nasser und Hitler besteht: Hitler war ein Rückfall in die Barbarei, Nasser ist ein Meilenstein auf dem Weg der Araber in die Zukunft.

Denn der Weg vom Absolutismus zur Demokratie ist weit. Man hätte auch die Ära Karls V. oder das Regime des Großen Kurfürsten in Preußen nicht einfach in eine Demokratie (die ja schließlich nicht nur System und Methode ist, sondern auch eine Lebensform) umwandeln können. Auch die Monarchien des Nahen Ostens, die, wie die ägyptische, auf Korruption beruhten, oder wie die irakische auf starken Polizeikräften, kann man nicht einfach in ein parlamentarisches Mehrparteiensystem umbauen und glauben, daß dann alles funktionieren werde. Nein, da werden noch viele Militärdiktaturen kommen und gehen.

Der Observer schrieb in seiner letzten Ausgabe: „Wie die Italiener des Risorgimento sehnen sich die Araber nach Einheit, nationaler Würde und nach einem besseren Leben. Wenn Präsident Nasser sich in den Augen britischer Konservativer auch als Hitler spiegelt, oder er für die US-Republikaner sich wie Stalin ausnimmt, für den Araber ist er halt doch ein Garibaldi.“ Darum: wenn Nasser heute sein Leben einbüßte, würden die arabischen Völker nach einem neuen Nasser Ausschau halten. Schon allein darum ist eine Politik, die alles auf die Ausschaltung Nassers abstellt, ganz abwegig.

Genau darin aber besteht seit Jahren die Politik des Westens. Als nach Suez, Anfang 1957, die Möglichkeit, nein, die Notwendigkeit zu einer Revision dieser Politik gegeben war, geschah nichts dergleichen. Damals schien eine Sternstunde angebrochen: das Verhalten der Amerikaner während jener Krise hatte ihnen die Herzen der Araber zugewandt. Plötzlich gab es für jene gute und böse Weiße, und nicht nur imperialistische. Damals sagte mir in Kairo einer der engen Mitarbeiter Nassers: „Wir horchten auf und dachten, jetzt beginnt eine neue Phase. Aber die nächste Äußerung, die aus Washington kam, war die Eisenhower-Doktrin.“ Und er fügte hinzu: „Das war wie eine kalte Dusche.“