Die segensreiche Umkehrung des Satzes „Tu, was du nicht lassen kannst“ nämlich: „Laß, was du nicht tun kannst“ genießt zur Zeit nur bei wenigen Ansehen. Auf seine tatsächlichen Möglichkeiten beschränkt zu werden, liebt kaum ein Zeitgenosse. Denn „Angeben“ wird groß geschrieben in unserer Zeit, die sich unbegreiflicherweise für besonders nüchtern und sachlich hält, während in Wirklichkeit der Durchschnittsmensch noch nie zuvor so zu Abenteuern des Selbstbetruges und der Augentäuschung aufgelegt war. Bei der Jugend äußert sich dieser üppig wuchernde Angabekomplex darin, daß sie es durchaus verachtet, andere Reiseziele zu wählen als solche weit außerhalb der Heimat, möglichst im Ausland, wenn’s geht sogar in einem anderen Erdteil. Natürlich können Schüler und Lehrlinge derartige Expeditionen nicht finanzieren. Und so haben sie sich auf das „Fechten“ und „Nassauern“ verlegt. Sie reisen „per Anhalter“ und leben weitgehend, auf deutsch gesagt, von Almosen. Seltsamerweise kennen sie, bei allem sonstigen Selbstbewußtsein, keinen Stolz in dieser Hinsicht und denken keine Sekunde lang daran, daß man früher so etwas Landstreicherei und Bettelei nannte. Sie haben „keine Vorurteile“ mehr und paralysieren das Stillose, indem sie es zum Sport erheben.

Reisen „per Anhalter“ war in der Nachkriegszeit für viele Tausende eine bittere Notwendigkeit. Heute ist es ein öffentlicher Unfug. Daß er nicht einmal ganz ungefährlich ist, hat sich herumgesprochen. Jetzt erließ der Bayerische Jugendring an alle Jugendlichen eine dringende Warnung vor der Reiseplanung nach dem Nassauersystem. Er hebt besonders die Schwierigkeit hervor, bei etwaigen Unfällen Schadenersatzansprüche geltend zu machen und ersucht die Lehrerschaft, auf die Schüler entsprechend einzuwirken. In diesem Zusammenhang wird festgestellt, daß beispielsweise „Anhalter“-Fahrten an den Polarkreis und in die Türkei schon keine Abnormität mehr seien. Wobei sich ein weiterer Anlaß zu ernsten Bedenken aus der irrigen Meinung mancher Jugendlichen ergibt, sie könnten ihren Aufenthalt im Ausland ungestraft durch Gelegenheitsarbeiten an Ort und Stelle finanzieren. Es ist jedoch überall eine besondere Genehmigung dazu nötig, die ausschließlich über die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung in Nürnberg zu erhalten ist.

Jedenfalls: der negativen Gesichtspunkte sind genug, um dem Vagabundentum entgegenzuwirken.

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