Es kommt häufig vor, daß Bildhauer ihre künstlerische Arbeit als Maler beginnen, aber es ist selten, daß sie sich auch erfolgreich der Baukunst zuwenden und im Sinne der Meister der italienischen Renaissance alle Felder der Kunst als ein einheitliches Ganzes betrachten, ihre Planungen nicht mehr auf isolierte Einzelwerke in den Wohnräumen reicher Sammler richten, sondern den Gesamtaspekt öffentlicher Gebäude, ja der großen Städte, mitzubestimmen versuchen. Genau das aber ist es, wozu die nicht mehr gegenständlich bedingte Kunst ihrem Wesen nach geradezu prädestiniert ist.

Mathias Goeritz, der Herkunft nach ein Deutscher, hat in Mexiko die Möglichkeit gefunden, riesige Werke seiner weitausgreifenden künstlerischen Phantasie zu realisieren. Überlebensgroße plastische Arbeiten seiner Hand schmücken öffentliche Plätze des Landes, er entwirft Wandbilder und Glasfenster für Gemeinschaftsbauten. Er hat ein viel diskutiertes Haus gebaut, das zur Vorführung von Kunstwerken und gleichzeitig zu Veranstaltungen aller Art dient. In diesem Haus ist eine große Wand nach Entwürfen von Henry Moore geschmückt, mit dem Goeritz befreundet ist. Sein neuestes Werk ist das aufregendste: fünf riesengroße Türme aus Eisenbeton am Eingang einer neugegründeten Satellitenstadt von Mexiko-City, die neun Meilen entfernt zur Entlastung der Hauptstadt von den Architekten Mario Panni und Luis Barragan angelegt worden ist. 37 bis 57 Meter hoch aufragend und weithin sichtbar, ein wenig schräg gegeneinander gestellt, in leuchtenden Farben bemalt – kräftiges Orange, Gelb, Grau und Weiß –, ohne anderen praktischen Zweck als ein „Zeichen“ zu sein für die neue Stadtgründung, ein imponierender künstlerischer Gruß für den Ankommenden, Lockung auch für neue Ansiedler. Man denkt an die Wehrtürme von San Gimignano in der Toscana, die vermutlich auch weit mehr Zeichen des Machtstrebens als Verteidigungsanlagen gewesen sind. Daß die Türme in Mexiko nichts anderes sind als eine künstlerische Manifestation großen Stils, gerade das gibt ihnen die ungewöhnliche Bedeutung. Es ist Kunst für alle, nicht in jenem banalen Sinne qualitativer Nivellierung, sondern deswegen Gemeingut, weil für jedermann verständlich als Monument kraftvoll anwachsenden Bauwillens.

Daß Goeritz „eigentlich“ Bildhauer ist, das sieht man der ersten Ideenskizze an, schon 1955 entstanden, in bunt bemaltem Holz, heute im Besitz einer New Yorker Privatsammlung. Sie hat etwas Primitiv-Urtümliches, mehr an Naturformen erinnernd als an ein Gebilde von Menschenhand. In Gemeinschaft mit den Architekten ist daraus dann die endgültige Form für die monumentalen Pylonen entwickelt worden. Man hat von einem „stilisierten Manhattan“ gesprochen, und in der Tat wird hier eine ähnliche Wirkung erstrebt und erreicht, wie sie bei der Ankunft in New York das allgemeine Staunen hervorruft.

Mathias Goeritz ist, 1915 in Danzig geboren, dann Dr. phil. unter Wilhelm Pinder in Berlin (mit einer Arbeit über den Maler Ferdinand Rayski) und Volontär an der Nationalgalerie, im Kriege nach Marokko verschlagen worden. In Spanien hatte er seine ersten Erfolge als Maler, begeistert von den Felsbildern in Altamira hat er eine Aufsehen erregende Schule gegründet. In Madrid sollte er zum Mitglied der Akademie gemacht werden, doch nach einer allzu revolutionären Ansprache wurde die Ernennung rückgängig gemacht. Die Kunstschule in Guadalajara in Mexiko berief ihn 1949 zu ihrem Leiter, doch bald schon mehrten sich die Aufträge in der Hauptstadt so sehr, daß er dorthin übersiedelte. Heute ist er Chef der Werkstätten für Visuel Education (Architektur-Abteilung) an der National-Universität und Direktor der Kunstschule der Ibero-Amerikanischen Universität von Mexiko. Es gehört zu seinem immer ins Phantastische ausgreifenden Talent hinzu, daß jede größere neue Arbeit Diskussionen hervorruft. Der Künstler aber fühlt sich wohl in dieser Atmosphäre von hoher Anerkennung und wütenden Angriffen, er geht seinen eigenen Weg weiter, unbeirrt von Lob und Tadel.

Kürzlich hat auch in New York eine Ausstellung seiner plastischen Arbeiten starken Eindruck gemacht. Es spricht für ihn, daß er in allem Wirbel um ihn her seine fanatische Arbeitsamkeit behalten hat und in schöpferischem Ungenügen, unablässig um die Vervollkommnung seiner Kunst bemüht bleibt. Gegenwärtig arbeitet er neben freien Erfindungen an folgenden größeren Projekten: einer Riesenplastik für Acapulco, einer Kapelle in Guadalajara, an Innendekorationen für ein Hotel in Veracruz. Eine Ausstellung, die seine künstlerische Produktion auch in seiner alten Heimat bekannt macht, wäre wünschenswert.

Carl Georg Heise