Es ist noch nicht lange her, daß Thilo Koch einen blendenden kleinen Essay über Gottfried Benn schrieb. Wer ihn las, wurde auf wenigen Seiten über Leben und Werk des bedeutendsten expressionistischen Lyrikers unterrichtet. Manchem mag dabei der Gedanke gekommen sein, daß man solche Kurzbiographie, ähnlich authentisch, ähnlich glänzend geschrieben, eigentlich auch von Bert Brecht haben müsse, der zweiten großen Erscheinung des deutschen Expressionismus (wenn er ihm auch zuletzt nicht mehr angehörte). Nun, diese Biographie ist jetzt geschrieben worden:

Willy Haas: „Bert Brecht“; Köpfe des XX. Jahrhunderts, Band 7, Colloquium Verlag, Berlin; 94 S.,3,80 DM.

Daß diese Studie gelingen mußte, war bei dem Namen des Autors ziemlich klar. Wer wohl in Deutschland ist besser geeignet, über Bert Brecht Treffendes zu sagen, als Willy Haas – exzellenter Kenner der deutschen Literatur der zwanziger Jahre?

Aber ich gebe zu, daß ich vor dem Anlesen dennoch Angst hatte, Haas werde in Erinnerungen ein wenig schwelgen. Mit anderen Worten: ich hatte ihm eher vierhundert ausgezeichnete Seiten über Bert Brecht zugetraut als vierundneunzig. Um so schöner, jetzt sagen zu können: er hat sich kurz und prägnant gefaßt, dabei aber doch seine einmalige Sachkenntnis in und zwischen den Zeilen nicht verhehlt.

Diese kleine Biographie ist ein sehr kritisches Buch über Brecht (mir persönlich zu kritisch). Sie spricht dezidiert Urteile aus (von denen ich mir erlaube, einige für falsch zu halten). Sie informiert über diese schillernde Figur der deutschen Dichtung besser als große Abhandlungen. Schon der Prolog enthält Formulierungen – zum Beispiel über den theoretischen Dramatiker Brecht – die ins Schwarze treffen: „Sein (Brechts) stilles Ideal, die dramatische Schaubühne zum Schulzimmer zu machen, in dem der Herr Lehrer auf dem Katheder unterrichtet – mit ein paar jovialen Scherzen hier und da für die Kleinen dort unten – und das Publikum zu hören, zu lernen und zu kuschen hat, war eine dieser Fehlleistungen“ seiner theoretischen Dramaturgie. „Die ganze Paradoxie seines Daseins zeigt sich darin ..., daß dieser Dramatiker nichts auf der Welt so sehr zu fürchten schien wie, daß sein Publikum im Theater hingerissen, begeistert – oder auch nur angerührt sein könnte.“

Immer wieder umkreist Willy Haas diese einzigartige Existenz mit ihren antipodischen Strukturen, die nirgendwo fest zu greifen ist. Da gibt es in der Biographie keine einzige Etikettierung. Der Autor verbietet sich Festlegungen da, wo nichts Endgültiges festzulegen ist. Dagegen entzücken immer wieder treffsichere Formulierungen über einzelne Tatbestände – so diese: „Kein vernünftiger Mensch hat je daran gezweifelt, daß die ‚Dreigroschenoper‘ ein Lob des Zynismus, des Amoralismus, der anarchistischen Gewalt sei... Es bleibt literarischen Läusesucherinnen vorbehalten, hinter diesem stattlichen Äußeren das weiche Herz des sozialen Mitleids zu entdecken.“

Und diese über Brechts angebliche Experimentiersucht: „Er war kein Experimentierer, wie er sich einbildete und wie er in den Broschüren immer wieder versicherte. Er war einfach ein rechthaberischer bajuwarischer Schädel, der einer Kritik niemals wich, wenn nicht hinter der Kritik eine handfeste Macht stand, die ihm gefährlich werden konnte. Dann freilich zeigten sich ganz andere Züge an ihm...“ Wie also gesagt: bei Einzelurteilen von Haas bin ich manchmal anderer Meinung. Ich glaube zum Beispiel, daß er Brechts erstes Stück „Baal“ etwas zu hoch bewertet, während er andere – vielleicht unter dem Eindruck des Theaterskandals, den sie damals in Berlin entfesselten und den Haas miterlebte – in ihrer Substanz zu gering in Rechnung stellt.

Aber tut das der kleinen Biographie Abbruch? Im Gegenteil: denn Biographie soll nicht Heldenverehrung sein, ja noch nicht einmal glattes und um jeden Preis richtiges Lehrbild des geschilderten großen Mannes. Biographie soll lebendig sein und uns zu Widerspruch und Zustimmung anregen. Sie soll allerdings einen großen Mann auch wirklich als groß schildern. Daß dies Haas trotz allem gelungen ist, darf vielleicht als sein schönstes Verdienst angesehen werden. Paul Hühnerfeld