Von Robert Strobel

Bonn, im Juli

Erzwungene Umwege haben schon manchen in seiner Entwicklung gefördert. Der neue Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Dr. Franz Meyers, kehrt, nachdem er zwei Jahre in Bonn wirkte, mit vielen neuen Erfahrungen und Beziehungen in die Regierung seines Landes zurück, der er unter Karl Arnold als Innenminister angehört hat.

In seinem schönen Haus in Mönchen-Gladbach sprachen wir über den vermutlichen Nutzen jenes Umweges. "Man gerät eben auch als Minister in eine Art von Betriebsblindheit, wenn man immer wieder dieselben Aufgaben aus derselben Sicht zu behandeln hat. Ich habe in diesen zwei Jahren, in denen ich mich mit anderen Dingen befaßte, gelernt, manches anders, richtiger zu sehen." Er resümiert in der nüchternen Art des Rechtsanwalts, der, weil er die Dinge grundsätzlich von beider. Seiten betrachten muß, auch sich selbst gegenüber Distanz zu gewinnen vermag.

Er weiß, daß der Kampf um die Erhaltung der Arbeitsplätze eine der wichtigsten und auch schwierigsten Aufgaben seines Kabinetts sein wird. Noch immer wachsen die Kohlenhalden an der Ruhr, noch immer stöhnt die Textilindustrie von Aachen bis Krefeld unter den Folgen der Liberalisierung. Freilich kann die Regierung eines Landes, die ja hauptsächlich mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt ist, nur in engen Grenzen konjunkturpolitische Maßnahmen ergreifen. Aber wer gute, weitreichende persönliche Kontakte hat, kann manches rechtzeitig in Ordnung bringen, bevor größerer Schaden entstanden ist. Der neue Ministerpräsident hat nicht nur die Energie, sondern auch die geschickte Art, solchen Einfluß wirksam zu machen.

In den zweieinhalb Jahren seit seinem Ausscheiden aus der Regierung in Düsseldorf hat er seine Stellung in der CDU sehr gefestigt. Heute gehört er zur Spitzengarnitur der Partei. Als Bundeswahlkampfleiter zeigte er große Wendigkeit, doch konnte er auch, wenn er es für nötig hielt, mit robuster Rücksichtslosigkeit zuschlagen. Wie nur wenige andere genießt er das Vertrauen des Bundeskanzlers. Dem alten Herrn imponiert die sichere, entschlossene Art dieses Mannes, aber vielleicht auch die Courage, mit der er gelegentlich "eine Lippe riskiert".

Dr. Meyers hat sich als Rechtsanwalt eine wirtschaftliche Basis geschaffen, die ihn von äußeren Einflüssen ziemlich unabhängig macht. Sein Haus, aus dessen Empfangsräumen man durch große Fenster in einen von hohen Bäumen abgeschirmten Garten blickt, gleicht in Stil und Anlage einem englischen Landhaus. "Ich selbst habe freilich nicht viel davon", meint er etwas resigniert. Seine Frau, geplagt, wie es die Frauen der Prominenten nun einmal sind, sagt es deutlicher: "Ich habe nicht geahnt, was da alles und wer da alles schon vor seiner Installierung auf ihn eindringt!" In dem dichtbesetzten Terminkalender findet sich kaum ein halbes Stündchen, um – nach diesem anstrengenden Wahlkampf – wenigstens einmal den Arzt aufzusuchen.