Berleburg, ‚ im Juli

Wer nach Berleburg ins Sauerland fährt, kann dort zweierlei für seine Erholung tun: Atmen und kneippen. Beim zweiten ist das zweite „p“ das Wichtigste. Denn vom Kneipen hält man im Kurort Berleburg sehr wenig. Sogar von Amts wegen ist man darauf bedacht, jeglichen Rummel der Vergnügungsindustrie von dem verträumten, ganz in Schiefer gekleideten Städtchen fernzuhalten. Sein Aufstieg hat sich mittels der Wasser-,,Anwendungen“ des seligen Pfarrers Kneipp vollzogen. Dies allerdings raketenhaft: im Jahre 1951 beherbergte Berleburg 9000 Feriengäste; im Jahre 1958 wird man auf 120 000 kommen. An ständigen Einwohnern zählt die Stadt 6000.

Außer kneippen kann man, wie gesagt, dort „atmen“. Tief atmen – dazu regen nicht nur’die schier endlosen Wälder an, die vorbildlich gepflegt und so einsam sind, daß man auf den langen, zur Kneipp-Kur gehörigen Spaziergängen mehr Wild als Menschen begegnet. Das Atmen wird in Berleburg aber auch systematisch gepflegt. Im „Atem-Institut“ des Ortes kann man sich zur gymnastischen oder therapeutischen Anwendung der natürlichsten, leider meistens verkümmerten Funktion des Körpers in kurzen Sprechstunden unterweisen lassen. Zunächst mag das ein wenig an die Turnstunde aus Schülertagen und an ihre unvermeidlichen „Freiübungen“ erinnern.

Berleburgs Übergang vom Luftkurort für Sommergäste zum anerkannten, ganzjährigen Heilbad ist angeregt worden durch die Ärzte der psychosomatischen „Kurklinik Wittgenstein“. Diese liegt als ein bereits arriviertes Institut, auch architektonisch frappierend, an einem Berghang. Die beiden Ärzte, ein Neurologe und ein Internist, behandeln Körper und Seele, indem sie nicht so sehr die einzelnen Krankheitssymptome, als vielmehr den Menschen im ganzen kurieren. Diesen Ärzten also fiel es auf, daß Berleburgs Höhenlage (500 Meter) und sein „Reizklima“ mit scharfen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht geradezu nach einer ergänzenden Hydrotherapie rufe, nach der zusätzlichen Anregung des Organismus durch Kneippsche „Anwendungen“ von Wasser mit und ohne Druck, mit und ohne Kräuterzusatz.

Die Krone dieser Entwicklung vom armen Flecken ohne nennenswerte Industrie zum stillen, aber großen Kurbad war im Juli 1958 vorerst sichtbar als Richtkrone auf einem neuen, hundert Betten fassenden Naturheil-Krankenhaus. Es liegt ideal fünf Gehminuten oberhalb der Stadt, neben dem alten Schloßpark. Kein Lärm, kein Verkehr, nicht einmal die Häuser der Ober- und Unterstadt von Berleburg sind in diesem künftigen „Gesundborn“ wahrzunehmen. Dafür gleitet der Blick von den Zimmern aus über Felder und Wälder in grüne Weite. Der Zimmertrakt mit allen modernen Schallisolationen, der Badetrakt – auch für ambulanten Verkehr – und ein öffentliches Gesellschaftszentrum des ausgedehnten Gebäudes sind bereits in der architektonischen Disposition gegeneinander abgeschirmt.

Wenn das Haus im Frühjahr 1959 bezugsfertig sein wird, dann dürfte das einzig Störende die geplante Bezeichnung als Krankenhaus sein. Ich selber habe vor Jahren eine Kneipp-Kur anderswo gemacht. Ich bin aus guten Gründen in keines der am Ort befindlichen „Sanatorien“, sondern in ein „Kurhotel“ gegangen, von denen es auch in Berleburg schon zwei gibt: Alle Kurmittel und Bäder, die genau nach ärztlicher Vorschrift verabreicht werden, befinden sich im Hause. Und doch hat der Kurgast für sein Selbstbewußtsein das Gefühl, Hotelgast zu sein. An solche Patienten, die nicht schwerkrank, sondern nur regenerationsbedürftig sind, denkt man als Gäste auch für das neue Berleburger Naturheil-Krankenhaus. Der leitende Arzt steht schon heute den Kneipp-Kurgästen in Berleburg als „Kurarzt“ zur Verfügung.

Das erste „Wunder“ Berleburgs, der schnelle Anstieg seiner Besucherzahl, ist organisatorisch zu erklären. Vor sieben Jahren gründeten Berleburger Bürger eine GmbH. (Auch das Naturheil-Krankenhaus wird von einem „Gemeinnützigen Verein“ der Einheimischen getragen.) Deren Leistung ist der Aufstieg des Ortes zum amtlich bestätigten „Kneipp-Kurort“. Die Kurverwaltung arbeitet allerdings streng zentralistisch. Sie verwaltet jedes der gegenwärtig 350 „Kneipp-Bgtten“, mögen sie in Privathäusern oder Gasthöfen stehen. Auch wer, ohne kneippen zu wollen, nach Berleburg fährt, tut gut, sich wegen der restlichen 50 Fremdenbetten gleich an die Kurverwaltung und nicht an einen Vermieter zu wenden. So kommt jeder zum Ziel und Berleburg zu einer das ganze Jahr ausfüllenden „Belegung“ durch Versicherungsanstalten, Behörden und Organisationen. Diese absolute Planwirtschaft prägt natürlich den Berleburger Publikumscharakter mit. Sie bietet, unterstützt durch die ärztliche Leitung der meisten Gäste, allerdings auch die unschätzbare Möglichkeit, anderswo übliche Auswüchse des „Fremdenverkehrs“ zu unterbinden.