Die vergangenen zehn Tage haben am Aktienmarkt Kursschwankungen in einem Ausmaß gebracht, wie sie seit der Suez-Aktion im Oktober/November 1956 nicht mehr eingetreten sind. Eingeleitet wurde diese Entwicklung durch eine Art Torschlußpanik am Aktienmark:, die durch die ersten sich überstürzenden Meldungen über die Nahost-Krise hervorgerufen wurde. Nervös geworden, erteilten Aktionäre und auch Rentenbesitzer ihren Banken Orders, Teile oder sogar den gesamten Bestand ihrer Wertpapierdepots abzustoßen. Dies war in den meisten Fällen nicht ohne heftige Kursrückgänge möglich. Fünfzehn bis zwanzig Punkte in zwei oder drei Tagen gingen z. B. die Kurse der großen deutschen Standardwerte des Chemie-, Elektro- und Banken-Sektors zurück. Die oft als stürmisch bezeichnete Hausse vom Juni d. J. hatte immerhin vier bis sechs Wochen benötigt, um die Kurserhöhungen zu erzielen, die nunmehr in zwei oder drei Tagen wieder verlorengingen.

Zur Rechtfertigung der deutschen Aktionäre ist allerdings zu sagen, daß der überwiegende Teil des auftretenden Angebotes aus dem Ausland kam‚ wie die bei den international gehandelten Standardwerten besonders kräftigen Kursrückgänge beweisen. Diese bereits mehrfach bei politischen Krisenerscheinungen beobachtete Reaktion des Auslandes gegenüber deutschen Wertpapieren mag zwar, historisch gesehen, einige Berechtigungen haben, erscheint aber heute im Zeitalter der NATO zumindest soweit abwegig, als der Abzug des Auslandskapitals aus Nachbarländern, die ebenfalls in der NATO sind, erfolgte. Auch die für den Abzug von Auslandkapital früher oft ausschlaggebende Gefahr einer durch die politische Krise hervorgerufenen Devisenverknappung erscheint bei einem Stand der Gold- und Devisenreserven von rund 24 Milliarden DM durchaus unberechtigt. Immerhin beweist die kaum zu begründende Reaktion des Auslandes, daß die Deutsche Bundesbank mit ihrer oft als mißtrauisch bezeichneten Abwehrpolitik gegenüber kurzfristigen Auslandgeldern noch immer im Recht ist.

Wer inmitten all dieser Nervosität die Ruhe bewahrte, an eine wahrscheinliche Begrenzung des Nahost-Konfliktes glaubte und entgegen der allgemeinen Abgabeneigung handelnd zu den stark ermäßigten Kursen kaufte, hatte wieder einmal den Vorteil, wenige Tage nach Beginn der politischen Krise bereits Kursgewinne von sieben oder acht Punkten verzeichnen zu können. Gewiß ging er das Risiko ein, daß weitere ungünstig laufende Nachrichten die Kurse noch tiefer fallen ließen. Er konnte aber dieses Risiko begrenzen, indem er nur einen Teil der bereitgestellten Mittel an einem Tag anlegte, um bei evtl. niedrigeren Kursen seine Einstandskurse verbilligen zu können. Eine Regel, die übrigens auch bei fallender Börsentendenz mit langfristigerem Charakter häufiger angewandt werden sollte.

Rückkäufe in größerem Umfange setzten allerdings erst am Schluß der letzten Woche ein, als eine gewisse Beruhigung über die Nahost-Krise sich ausbreitete. Bereits am Beginn ginn dieser Woche war jedoch die Nachfrage derart konzentriert, daß die Kurse in ungewohntem Ausmaße um sechs bis acht Punkte emporschnellten. Zahlreiche Aktionäre, die während der ersten Tage der Krise übereilt verkauft hatten, konnten nunmehr nicht zu den Verkaufskursen wieder ihr Depot vervollständigen. Die Aufwärtsbewegung war sogar derart heftig, daß an der Börse die Befürchtung entstand, bei dem wieder erreichten Kursniveau sei auch die Empfindlichkeit gegenüber neuen politischen Ereignissen im Nahen Osten wieder erheblich gestiegen. Immerhin trafen die Kauforders, die die Grundlage zu der schnellen Erholung bildeten, zumeist aus dem Inland ein, so daß die Gefahr eines plötzlichen nochmaligen Abzuges von Auslandgeldern vorerst gering erscheint.

Auf längere Sicht gesehen, kann der Anleger auch bei den wieder gestiegenen Kursen neue Käufe vertreten. Auch die Konjunkturentwicklung, die eine Voraussetzung für Dividendenerhöhungen ist, wird bei den meisten Gesellschaften als zufriedenstellend bezeichnet. Die Erträgnislage, die besonders bei den Banken nach wie vor günstig ist, dürfte auch der Anlaß dafür gewesen sein, daß sich die Aktien der Großbanken schnell erholen konnten. Kurserhöhungen um sieben Punkte innerhalb eines Tages bei Großbankaktien, wie sie Anfang dieser Woche eintraten, konnten bisher nur äußerst selten beobachtet werden.

Eine Ausnahme, sowohl im Hinblick auf die Ertragsentwicklung als auch in ihrem Verhalten während der heftigen allgemeinen Kursschwankungen der letzten Tage, bildeten Montanaktien. Sie zeigten sich relativ unempfindlich gegenüber der rückläufigen Tendenz. Kursrückgänge von drei oder vier Punkten im Durchschnitt verglichen mit Rückschlägen von 15 bis 20 Punkten bei anderen Aktien können praktisch vernachlässigt werden. Eine Erklärung für diese relativ stabile Haltung der Montane ist die allgemein vertretene Ansicht, daß die Kurse der Montanaktien bereits „am Boden liegen“ und deswegen kaum noch fallen können. Allerdings zeigten sich die Montane gegenüber der raschen Erholungsbewegung ebenfalls weitgehend unempfindlich. Die Besitzer von Montanaktien konnten nur Kurserhöhungen von zwei oder drei Punkten verzeichnen.

Auch am Rentenmarkt hatte die Nahost-Krise eine allerdings nur kurzfristige Unterbrechung der praktisch seit Anfang des Jahres anhaltenden Aufwärtsbewegung nach sich gezogen. Verkäufe – insbesondere aus der Schweiz – verstimmten. Im Ausland beliebte Rentenwerte, wie z. B. die achtprozentige AEG-Anleihe von 1956, gingen von 110 auf 107 zurück. Die inländischen Anleger ließen sich aber nicht von dieser Nervosität mitreißen. Die Nachfrage nach neu aufgelegten 6 1/2prozentigen Obligationen blieb nach wie vor gut und die Zeichnungsfrist für die am Freidieser Woche neuerschienenen 6 1/2prozentigen tige Anleihe des Landes Berlin (Emissionskurs 99 v. H.) konnte bereits am folgenden Tage vorzeitig geschlossen werden. Auch die zu Beginn dieser Woche neu erschienenen 6 1/2prozentigen Anleihen der Hüttenwerke Oberhausen und der Rheinpreußen AG für Bergbau und Chemie, Homburg, die beide zum Kurse von 99 1/2 v. H. abgegeben wurden, waren sofort ausverkauft. Die Tendenz am Rentenmarkt wurde fast ausschließlich von der Überlegung bestimmt, daß die Senkung der Habenzinssätze von 3 1/4 v.H. auf 3 v.H. bei allgemeinen Spareinlagen und von 5 v. H. auf 4 1/4 v. H. bei langfristigen Spareinlagen sowie die anhaltende Geldflüssigkeit eine weitere Herabsetzung der Emissionszinssätze bei Anleihen von zur Zeit 6 1/2 v.H. auf 6 v.H. in naher Zukunft wahrscheinlich werden lassen. Zur Zeit werden bereits 6prozentige tarifbesteuerte Pfandbriefe mit 98 1/2 v. H. oder 99 v. H. von Kapitalsammelstellen in großem Umfange gekauft. W. M.