Internationale Auswirkungen des amerikanischen Rückschlags

Von René Erbe, Cambridge (Mass.)

Seit Monaten warten jene Politiker, Journalisten und UNO-Beamten, welche traditionsgemäß alles Böse auf dieser Welt den USA in die Schuhe schieben, darauf, daß die amerikanische Recession endlich die erwarteten – katastrophalen – Auswirkungen auf die Wirtschaft der übrigen westlichen Welt zeitigt. Das diesen Erwartungen zugrunde liegende Dogma ist vor Jahren bereits umschrieben worden: Wenn Amerika niest, bekommt Europa eine Erkältung. Gemeint ist damit, daß selbst ein leichter amerikanischer Konjunkturrückschlag die europäischen Zahlungsbilanzen aus ihrem prekären Gleichgewicht wirft und eine Währungskrise hervorruft. Die Ereignisse der dreißiger Jahre und der unmittelbaren Nachkriegszeit bestätigen die Richtigkeit dieser Theorie. War. es nicht der amerikanische Konjunkturrückschlag von 1949, der den großen Währungsrutsch im Herbst jenes Jahres auslöste?

Parallele zu 1953/54

Fixe Ideen sind bekanntlich schwer auszurotten, und so ist es nicht verwunderlich, daß immer noch weite Kreise gebannt auf Amerika starren und die Katastrophe erwarten, obwohl die Ereignisse während des Rückschlages von 1953/54 selbst dem hartgesottensten Pessimisten die Augen geöffnet und gezeigt haben sollten, daß die Theorie von „Amerikas Niesen und Europas Erkältung“ keineswegs eine ewige Wahrheit darstellt. Damals ging die amerikanische Industrieproduktion ziemlich stark zurück, während Westeuropa sich inmitten der ausgeprägtesten Expansionsperiode seiner Nachkriegsgeschichte befand. Die Voraussetzungen für eine europäische Währungskrise infolge defizitärer Zahlungsbilanzen schienen somit gegeben. Nichts dergleichen trat jedoch ein.

Die soeben vom US-Handelsdepartement veröffentlichten Zahlen über die amerikanische Zahlungsbilanz im ersten Vierteljahr 1958 zeigen, daß sich die Ereignisse der Recession von 1953/54 wiederholen und daß eine weitverbreitete europäische Dollarkrise unwahrscheinlich ist.

Die Zahlen, zeigen, daß die übrige Welt im ersten Quartal 1958, als sich der Rückgang in vollem Schwung befand, in ihrem Zahlungsverkehr mit den Vereinigten Staaten einen Überschuß von 695 Millionen Dollar aufwies, was eine entsprechende Erhöhung ihrer Gold- und Dollarreserven zur Folge hatte. Dies in bemerkenswertem Gegensatz zum ersten Quartal 1957, in dem trotz der in den Vereinigten Staaten herrschenden Hochkonjunktur die Welt ein Dollardefizit von 401 Millionen aufwies. Zwar ist es richtig, daß dieses Defizit in jenen Monaten teilweise durch die Suezkrise bedingt war. Wichtig ist aber, daß sich seit Beginn der Recession im dritten Quartal 1957 die Dollarbilanz der übrigen Welt ständig verbesserte. Das Dollardefizit von 410 Millionen im dritten Quartal 1957 verwandelte sich in einen Überschuß von 410 Millionen im vierten Quartal 1957 und – wie erwähnt – in einen Überschuß von 695 Millionen im ersten Quartal 1958.