R. S., Bonn

Das wohlbedachte offizielle Schweigen Bonns zum anglo-amerikanischen Eingreifen in Nahost ist verschiedentlich falsch gedeutet worden. Man dachte in Bonn weder an eine baldige Vermittlungsaktion, noch lehnte man die militärischen Maßnahmen der beiden angelsächsischen Mächte grundsätzlich ab. Der Bundeskanzler hatte durchaus Verständnis dafür, daß Amerika und England die Hilferufe der legalen Regierungen im Libanon und in Jordanien nicht überhören wollten. Auch teilte die Bundesregierung die Auffassung, daß es sonst um die Glaubwürdigkeit angelsächsischer Garantieversprechen – nicht nur in der arabischen Welt – wohl schlecht bestellt sein würde. Schließlich erwartet man ja gerade in Bonn, daß eine feindliche Aktion gegen Westberlin auch den für diesen Fall geschaffenen alliierten Garantieapparat in Gang setzen würde.

Daß eine militärische Aktion wie die im Libanon rasche Entschlüsse erfordert und also eine vorherige Konsultation der vielen NATO-Partner nicht möglich war, wurde auch in Bonn eingesehen. Was aber hier Ärger und später große Besorgnis hervorrief, waren die Unterlassung einer sofortigen Unterrichtung und Konsultation der NATO-Partner über die politischen Ziele und die offensichtliche Unklarheit der Akteure über die ihnen vorschwebenden diplomatischen Lösungsmöglichkeiten. Es erhob sich die Befürchtung, die Entwicklung könnte den Interventionsmächten davonlaufen.

Nun wurde Bonn politisch aktiv, wenn auch nicht in einem der Öffentlichkeit sichtbaren Bereich. In Gesprächen mit Botschaftern in Bonn und in Anweisungen an die deutschen Missionschefs, insbesondere in den beiden angelsächsischen Ländern, hob die Bundesregierung mit Nachdruck ihre Auffassung hervor, daß eine Ausweitung der militärischen Aktion auf den Irak die bedenklichsten Folgen haben würde. Im NATO-Rat machte Botschafter Blankenborn kein Hehl aus der Börner Unzufriedenheit darüber, daß eine politische Konsultation auch dann noch unterlassen wurde, als sie längst möglich, ja notwendig gewesen wäre.

Eine dauerhafte Lösung des Konflikts erblickt die Bundesregierung nicht etwa in der Schaffung von Interessentensphären und einer weiteren Demarkationslinie (deren es nach ihrer Ansicht ohnehin schon zu viele gibt). Die Bundesregierung scheint vielmehr der Meinung zu sein, daß der Westen die realen politischen Kräfte im Mittleren Osten, die sich heute vor allem in der Gestalt Nassers verkörpern, stärker berücksichtigen und endlich eine konkrete Politik gegenüber den Arabern erarbeiten müsse.

Dabei könnte Westdeutschland, das in der arabischen Welt noch immer einen großen Vertrauenskredit genießt, gegebenenfalls eine Verständigung erleichtern helfen. Nur in diesem Sinne, also auf weite Sicht und bei sehr realistischer Einschätzung der bescheidenen eigenen Einwirkungsmöglichkeiten, hält man in Bonn eine vermittelnde Aktion der Bundesregierung eventuell für möglich.