A. M., Paris, im Juli

Die französische Reaktion auf Chruschtschows Initiative war von vornherein um eine deutliche Nuance aufgeschlossener als diejenige der Angelsachsen, obwohl der russische Ministerpräsident es nicht lassen konnte, den Franzosen in seiner Botschaft an de Gaulle ein wenig Moral zu predigen. Die größere Ansprechbarkeit von Paris beruht nicht etwa darauf, daß die drohenden Schatten des Krieges an der Seine eine Panik hervorgerufen hätten. Im Gegenteil: das französische Volk bleibt nach wie vor auf seine eigenen Sorgen konzentriert und kümmert sich wenig um weltpolitische Spannungen.

Bezeichnenderweise ist in Paris vor allem aufgefallen, daß die Russen den neuen französischen Regierungschef zuvorkommender zu behandeln scheinen, als das die Angelsachsen in den letzten vierzehn Tagen getan haben. Die ständigen angelsächsischen Beratungen, über die das französische Außenministerium allerhöchstem nachträglich informiert wurde, haben in Paris unbestreitbar eine gewisse Gereiztheit hervorgerufen. Chruschtschow hat diese Stimmung geschickt ausgenutzt, indem er alle früheren russischen Versuche, Frankreich aus dem Kreis der „Großen“ zu eliminieren, unter den Tisch wischte.

Doch ist dies nicht der einzige Grund für die größere Aufgeschlossenheit der französischen Diplomatie gegenüber der russischen Initiative. Mit seinem Versuch, Frankreich ein starkes Eigengewicht zu verschaffen, hat General de Gaulle keineswegs einen für die französische Außenpolitik revolutionierenden Weg beschritten. Er verstärkte nur eine Tendenz, die hinter den Lippenbekenntnissen zur europäischen Integration latent stets vorhanden war. Das soll nicht heißen, daß de Gaulle einen Umsturz im französischen Bündnissystem anstreben würde. Davon ist er weit entfernt. Aber ihm liegt daran, Zuspitzungen des amerikanisch-russischen Gegensatzes zu vermeiden, in deren Sog Frankreich seine Bewegungsfreiheit verlieren würde und sich ganz dem Gesetz eines der beiden Protagonisten unterwerfen müsse.