Von W. Ebert

Für Soziologen und Kulturpolitiker bilde ich ein Problem, das offenbar Kopfzerbrechen bereitet. Es handelt sich dabei einfach um die Frage, welcher Generation man mich eigentlich zurechnen soll.

Es ist ja nicht so, daß wir Mitte-Dreißigjährigen nun einfach zur jungen oder nicht mehr ganz jungen Generation gehören könnten. Unsere Generation ist viel zu interessiert, als daß sie sich mit so simplen Bezeichnungen abtun ließe. Wir sind wer – aber wer sind wir?

Seit den Amerikanern eine ganze Generation verlorengegangen ist – was sie erst merkten, als einige der Verlorenen selber sie darauf aufmerksam machten –, geht man mit Generationen recht behutsam um. Man will nicht wieder eines Tages vor vollendeten Tatsachen stehen. Darum haben es auch Generationen, die verlorengehen wollen, heutzutage viel schwerer als früher. Es genügt keineswegs, seinen Bart in die Tassen der Cafés am linken Seineufer wachsen zu lassen, um dann mit dem letzten Dollarscheck in der Tasche zur nächstbesten Fiesta nach Spanien zu entkommen. Man muß sich wohl doch schon etwas Neues einfallen lassen.

Da man in meinem höchst bemerkenswerten Alter nicht einfach so dahinleben kann, ohne irgendeiner Generation anzugehören, sind mir Begegnungen mit Generationsexperten immer willkommen. Schon nach dem ersten Händedruck spüre ich, wie sie mich abschätzend mustern, um festzustellen, welcher Generation sie mich wohl am ehesten zuordnen könnten. Unter ihren Angeboten war jedoch bisher keines, das mir verlockend erschien. Gewiß: zur „skeptischen“ Generation möchte sicher jeder gehören, das versteht sich. Aber der Gedanke, mich nun eine Generation lang skeptisch gebärden zu müssen, bereitete mir doch ein gewisses Unbehagen. Nur einmal angenommen, es taucht plötzlich eine „hoffende“ Generation auf, die mir besonders sympathisch ist – was dann?

Aus ähnlichen Gründen war mir der Vorschlag, der „schweigenden“ Generation beizutreten, nicht genehm. Zumal inzwischen – in den USA – eine „gesprächige“ Generation die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und vielleicht wesentlich günstigere Aussichten hat, ins Gerede zu kommen. Im Augenblick muß sie sich allerdings noch mit der „geschlagenen“ Generation auseinandersetzen, die – wenn man den Berichten aus Amerika Glauben schenken darf – eben gerade ihren Siegeszug durch die Staaten angetreten hat. Da man sich zur „geschlagenen“ Generation nur zählen sollte, wenn man in einem Siegerland lebt, kommt diese für mich kaum in Frage.

Bliebe eigentlich nur noch die „gelenkige“ Generation übrig. Aber dazu würde mich nur der rechnen, der mich nicht näher kennt. Viel eher käme für mich etwa eine „steifbeinige“ Generation in Betracht. Dieser Hinweis könnte als Anregung dienen. Sollte er auf fruchtbaren Boden fallen, wäre mir und manchen Soziologen und Kulturkritikern vielleicht gedient. Sie und ich wüßten dann womöglich, wohin ich gehöre...