Wo Schleiermacher lernte

S. L., Berlin

Als Walter Ulbricht auf der Plenarsitzung des SED-Zentralkomitees vor einigen Wochen über die Zustände im Berliner Gymnasium „Zum Grauen Kloster“ klagte, lag diese weithin berühmte Schule bereits im Todeskampf. Inzwischen wurde bekannt, daß die Kreisleitung der FDJ bereits Anfang Mai beschlossen hatte, „an dieser Schule eine Brigade einzusetzen, um mit dem alten Klostergeist aufzuräumen“. Diese Aktion hat offenbar Erfolg gehabt; sechs Lehrer wurden an andere Schulen versetzt und durch „junge klassenbewußte Lehrer“ ersetzt. Außerdem wurde der anstößige Name der Schule beseitigt. Fortan heißt sie schlicht und uniform „Oberschule 2“ des Stadtbezirks Berlin-Mitte.

Das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster gehört zu den traditionsreichen Schulen des alten Preußen. Seinen Namen hat es von der im 13. Jahrhundert gegründeten Franziskaner-Niederlassung in der Berliner Altstadt, in deren Gebäude es nach dem Abzug der Mönche 1574 durch kurfürstliche Schenkung einzog. Schinkel, Schadow und Schleiermacher haben auf den Schulbänken des Grauen Klosters gesessen, der Turnvater Jahn hat hier gelehrt, und Bismarck ist von 1830 bis 1832 „Klosteraner“ gewesen. Auch unter Hitler hat die Schule den alten Namen beibehalten. Bei einem Luftangriff 1943 ist der gotische Klosterkomplex in Trümmer gesunken.

Die Schule selbst ist unweit der alten Stelle, in der Niederwallstraße, wieder eröffnet und in der Gymnasialtradition weitergeführt worden. Jeder dritte Schüler, so klagt die FDJ, gehe nach dem Abitur westwärts, um dort im zusätzlich dreizehnten Schuljahr die Reifeprüfung für eine westdeutsche Hochschule abzulegen. Ganz offen, sagte Ulbricht, werde an der Schule über diese Zukunftspläne gesprochen.

Selbstverständlich sind viele Klosteraner in der FDJ; doch deren Abzeichen tragen sie nur im Unterricht, außerhalb der Schule sieht man sie mit dem Abzeichen der Jungen Gemeinde am Jackett. Überhaupt scheint nach den Klagen der Funktionäre ein christlicher Geist das Graue Kloster zu beherrschen, der nun gewaltsam ausgetrieben und durch „sozialistisches Bewußtsein“ ersetzt werden soll.