Es ist das höchste Glück auf Erden, erfaßt, betreut, geschult zu werden Dieses Spottgedicht auf die totale Aufsaugung des Privatlebens durch den Anspruch des Staates ging in der Nazizeit um. Eins von vielen, wie sie der geheime Widerstand produziert hat. Der einprägsame Zweizeiler kann auch sonst als parodistische Übertreibung auf den Einzelmenschen oder eine Menschengemeinschaft als Objekt staatlicher Ordnungsmaßnahmen gemünzt werden. Er will besagen, daß der selbstbewußte Mann sich sehr wohl die Freiheit von jeder Art des „Erfaßt-“, „Betreut-“ und „Geschultwerdens“ als ein elementares Glück vorzustellen vermag.

Allerdings: dieses hohe Glück läßt sich kaum noch irgendwo in der Welt realisieren. In Europa jedenfalls dürfte so leicht niemand mehr den Mut aufbringen, aus freiem Entschluß den Versuch einer derartig vogelfreien Existenz zu wagen. Aber vielleicht kann unter Umständen eine Zwangslage dahin führen? Sie kann es und hat es getan! So geschehen in Niederschlesien, wo kürzlich die polnischen Behörden ein ganzes bisher unbekanntes Dorf entdeckten, das auf keiner Landkarte verzeichnet war und dessen Bewohner weder erfaßt, noch betreut, noch gar – unausdenkbar! – geschult waren. Man hat sogar noch nicht einmal ohne weiteres herausbekommen, ob es Deutsche oder Polen sind, die hier, in den Wäldern des Bezirks Grünberg (woher der säure Wein kommt), wohl in der letzten Phase des Krieges oder gleich danach (Flüchtlinge, Versprengte, Zeitmüde?) ihre Niederlassung gegründet haben, inzwischen zufrieden und unbehelligt von Landwirtschaft, Fischerei und Jagd lebten und sich offenbar dabei recht wohl befanden. Die Abgeschiedenheit von der übrigen Welt gefiel ihnen durchaus, obwohl ihnen dadurch die Wollust des Steuerzahlens entging. In diesem Punkte hat denn bezeichnenderweise auch die sofortige Hilfsaktion des Staates zu allererst eingesetzt: die Höhe der nachzuzahlenden Steuern wurde geschätzt! Jetzt sind sie geschätzt und geschützt, erfaßt, betreut und auch bald geschult... Ein Traum ist aus. Wieder einer.

Horcher