Sie ist ein Zuckerplätzchen“, sagt der Mann strahlend. „Sie liegt bei Lloyds in der ersten Klasse!“ Und dann sagt er noch: „So etwas wird heute nicht mehr gebaut!“

„Sie“ ist der erste Ozeanriese unter deutscher Flagge – die 30 000 BRT große „Hanseatic“. Der Mann, der von ihr sprach, ist der Co-Reeder des Passagierschiffes, Axel Christensen, der dafür sorgte, daß in knapp einem halben Jahr aus dem alten Erster-Klasse-Schiff „Empress of Scotland“ ein moderner Touristendampfer wurde.

Während das Schiff mit acht Knoten Fahrt die Unterelbe herunterläuft, zu seiner ersten Ausfahrt nach New York – erzählt Axel Christensen kurz die Geschichte des Schiffes. Der griechische Reeder Eugenidis, dem auch die „Italia“ und die „Homeric“ der Homes-Line gehören, gab 12 Millionen Mark für das Schiff, als es im letzten Jahr zum Kauf angeboten wurde. Dann gründete er mit Axel Christensen zusammen die „Hamburg-Atlantik-Linie“, eine deutsche Gesellschaft mit Sitz in Hamburg. Dieser Firma gab der Senat eine Bürgschaft in Höhe von 16,5 Millionen Mark – der Hälfte der Umbaukosten, die von der Howaldts-Werft für die Umwandlung des Schiffes in einen komfortablen Passagierdampfer in Rechnung gestellt wurden.

Auf die fünf vorhandenen Decks der alten „Empress of Scotland“ ist ein weiteres Deck – das Bootsdeck – gesetzt worden, für die 85 Erster-Klasse-Passagiere der neuen „Hanseatic“. Dadurch gewann das Schiff an Höhe – und Aussehen. Es erhielt zwei mächtige rote Schornsteine, statt der bisherigen drei dünnen. Im Bauch des Schiffes entstanden Pullman-Kabinen für über 1100 Touristen. Diese Kabinen sind ein Wunder der Ingenieurskunst. Sie sind größer als die Touristenkammern auf den Schiffen der Konkurrenz. Sie sind bequemer und sie sind „gemütlicher“. Die Kabinen dienen in der Nacht als Schlafzimmer (für zwei, drei oder vier Personen). Am Tag wird daraus ein Wohnzimmer. Mit Vorbedacht hat man versucht, „amerikanische Zweckmäßigkeit“ und „deutsche Behaglichkeit“ zu vereinen. Das Schiff atmet Weite. Die beiden Promenadendecks sind über 200 Meter lang. Die riesige holzgetäfelte Halle der Touristenklasse hat Verkaufsläden. Die Klubräume und Eßsäle könnten jedem erstklassigen Hotel Ehre machen. Im „Hansa-Theater“ ist ein Kino, eine Bühne und eine Tanzfläche.

Wer schwimmen will, kann zwischen Süß- und Salzwasser wählen. Auf dem Bootsdeck liegt der „Swimming-Pool“, unten im tiefen A-Deck das temperierte Schwimmbad mit Turnsaal und Gymnastikraum. Und natürlich gibt es Lese- und Schreibräume, einen Wintergarten und lustig eingerichtete Kinderzimmer. Das ganze große Schiff ist für die Touristen da – bis auf das kleine Ghetto des Bootsdecks, auf dem die Erster-Klasse-Passagiere residieren.

Weil der Tourist der Herr und Meister der „Hanseatic“ ist, glauben die Reeder auch, daß ihr Schiff im Konkurrenzkampf nicht die Flagge streichen muß. Es wird immer genügend Menschen geben, die sich auf See erholen und mindestens eine der beiden Überfahrten nach und von New York geruhsam hinter sich bringen wollen. Die optimistischen Reeder der „Hanseatic“ kalkulieren außerdem, daß der Reisestrom zwischen Nordamerika und Europa noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hat. Für viele Amerikaner ist eine achttägige Urlaubsreise innerhalb ihres eigenen Landes kaum billiger, als die achttägige Schiffsreise nach Europa. Und dort haben die Dollar eine erheblich größere Kaufkraft als in den Staaten.

Sicher – die „Hanseatic“ ist kein Ozeanrenner. Sie läuft 20 Knoten. (Die „Bremen“ fuhr 28,5 und die amerikanische „United States“ 36,2 Knoten.) Aber – wer nicht fliegt, der sucht auf See auch nicht die Geschwindigkeit. Der wünscht sich einen kleinen Urlaub auf See.

Etwa 850 Mark kostet die Reise von Cuxhaven nach New York in der Touristenklasse, 1300 Mark in der Ersten Klasse. Das ist billiger als auf vielen anderen großen Passagierschiffen. Man reist acht Tage und genießt – eine Woche Nichtstun! K. U.