S. L., Berlin, im Juli

Der wochenlange diplomatische Befreiungskampf um die neun Amerikaner, die sich Anfang Juni mit ihrem Armeehubschrauber in das Territorium der Sowjetzone verirrt hatten, ist durch einen Kompromiß beendet worden, Verhandlungen zwischen den nationalen Rot-Kreuz-Verbänden Amerikas und der DDR haben den Gefangenen binnen weniger Tage den Heimweg nach Westen geöffnet. In Heinersgrün bei Plauen kehrten sie in die Bundesrepublik zurück.

Diese überraschende Wendung der Dinge ist zweifellos einem Wink aus Moskau zu verdanken. Denn Pankow war zunächst nach allen Äußerungen entschlossen, seine Geiseln nur durch einen vom State Department ausdrücklich bevollmächtigten Diplomaten auslösen zu lassen. Dieses Ziel hat es indes nicht erreicht. Zwar hat es heute einen Schein in der Hand, genauer: zwei Dokumente, die von einem „von der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika bevollmächtigten“ Rot-Kreuz-Beamten unterzeichnet sind und in denen insgesamt zehnmal die Bezeichnung „Deutsche Demokratische Republik“ vorkommt. Doch der direkte diplomatische Kontakt ist nicht zustande gekommen.

Dieser Kompromiß, der weit hinter den wochenlang geäußerten Forderungen auf direkten Kontakt zurückbleibt, wurde vom Presseamt entsprechend beredt bemäntelt. Die Angelegenheit, heißt es, sei „in einer Form bereinigt worden, die der Realität, also der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik als einem souveränen Staat vollkommen Rechnung trägt“. Diese Souveränität ist indessen auch in diesem Falle offenbar durch Direktiven aus Moskau eingeschränkt worden – denn Verhandlungen über die beiderseitigen Rot-Kreuz-Organisationen lagen ganz gewiß nicht von vornherein in Pankows Absicht.

Eine besondere Pikanterie erhielten diese Verhandlungen für beide Partner dadurch, daß der von der Regierung in Washington bevollmächtigte Präsident des Nationalen Roten Kreuzes der Vereinigten Staaten, dessen europäischer Vertreter die Gespräche führte, kein anderer war als der ehemalige NATO-Oberkommandierende General Alfred M. Gruenther. Im Übergabeprotokoll ist Gruenthers Name allerdings wohlweislich verschwiegen worden.