S. L., Berlin

Der gemütvolle Balladenschatz um die sprichwörtliche Tierliebe der Berliner ist jüngst um ein neues Stück bereichert worden, das beweist, daß auch in rauher Volkspolizistenbrust ein wo nicht, menschlich, so doch tierlieb fühlend Herz schlägt.

Eine Flüchtlingsfrau aus der Zone, in einer Westberliner Laube ansässig, fuhr trotz aller Warnungen über die Grenze nach Ostberlin. Dort wurde sie alsbald von einem Volkspolizisten verhaftet, der sich durch keine Bitte erweichen ließ, sie nieder, laufen zu lassen. Andere dringende Vorhaltungen der Frau jedoch hatten Erfolg.

In ihrer Laube nämlich befand sich allerlei Getier – zwei Hunde, eine Ziege, eine Katze und zahlreiche Hühner, Tauben, Enten und Kaninchen. Dieser kleine Zoo wäre bei der drückenden. Sommerhitze ohne Futter und Wasser unfehlbar zum Tode verurteilt gewesen.

Der Vopo, tierlieb wie alle Berliner, ob West oder Ost, sah das ein und begab sich unverzüglich an die Fernschreibleitung, die Ost- und Westberliner Polizei trotz unterbrochener Telefonkabel miteinander verbindet. Er verständigte seine Westberliner Kollegen von dem Schicksal der nun herrenlosen Tiere, und kurze Zeit später erschienen in der Westberliner Laube Beamte des Tierschutzvereins in Begleitung von Polizisten, um Hunde, Katzen, Ziege und Federvieh mit Nahrung zu versorgen.