Wer sich – nach der Fußballweltmeisterchaft – unvoreingenommen über Schweden und seine Nachbarländer informieren will, dem bietet sich eine allgemein orientierende Literatur über Skandinavien in deutscher Sprache nicht gerade reichlich an. Drei Neuerscheinungen dieses Sommers seien hier erwähnt. Nicht nur, wer eine Reise in nordische Einsamkeit plant, findet in dem „Sternfahrten“-Buch von Hans Eberhard Friedrich brauchbare Informationen. Es behandelt alle vier nordischen Länder: Finnland – Norwegen – Schweden – Dänemark (C. W. Leske-Verlag, Darmstadt, in Zusammenarbeit mit Daimler-Benz-AG, 864 Seiten, 19,80 DM). Früher hatte Friedrich in der gleichen Reihe bereits Spanien, Italien und Frankreich in je einem Band dargestellt. Auch jetzt ist es die – freilich unausgesprochene – Absicht des Buches, den nur „kilometerfressenden“, Europa durchrasenden Autofahrer in einen bedächtigen, kontemplativen Touristen zu verwandeln, der für alle Reize und wichtigen Details der Natur und Geschichte, der Baukunst und des Volkstums des jeweils befahrenen Landes aufgeschlossen ist. Der neue Band ist allerdings so umfangreich geworden, daß es beschwerlich ist, ihn unterwegs zu benutzen.

In der richtigen Erkenntnis, daß die vier Staaten des europäischen Nordens keineswegs eine undifferenzierte Einheit darstellen, werden diese Länder in abgeschlossenen Teilen behandelt. An eine allgemeine Übersicht, Bevölkerung, Besiedlung, Geschichte, Beziehungen zu Deutschland, Wirtschaft und Lebensstil, Hinweise auf weiterführende Literatur, Reisetips, besonders für den Automobilisten schließen sich jeweils mehrere konzentrische Erkundungsfahrten (die sogenannten „Sternfahrten“) an, die den Reisenden auf vom Autor – hinter dem eine Autofirma steht – erprobte und festgelegte Autorouten führen. Sie nehmen bestimmte und sehr überlegt gewählte Orte zum Ausgangspunkt, von denen aus eine Landschaft oder eine Provinz „erfahren“ wird.

Angenehm berührt in Friedrichs Buch die unkonventionelle und überaus kultivierte Art der Darstellung. Hier ist endlich einmal ein Werk, das sich freihält von den gängigen Reiseprospekt-Klischees, die einen großen Teil der populär gehaltenen und schnell zusammengebastelten länderkundlichen Werke ebenso unbrauchbar wie unerfreulich machen. Friedrich schildert keine privaten Erlebnisse, sondern gibt individuelle Eindrücke. Da er mit einem intuitiven Blick für das Wesentliche begabt und gleichzeitig bei einzelnen Verallgemeinerungen zurückhaltend ist, bringt die Lektüre dieses Buches nicht nur dem „Neuling“, sondern auch noch dem Skandinavienkenner Gewinn. An vielen Punkten ist Friedrich unter die Oberfläche gedrungen. Er versteht es gut, sich Fragen zu stellen und diese dann auch ohne billige Simplifikationen zu beantworten. Diesen positiven Gesamteindruck vermögen auch einige wenige Fehlinterpretationen (zum Beispiel in bezug auf die „Germania“ des Tacitus) und Namensverschreibungen (Niels Holgerson statt: Nils Holgersson, Elsa Brandström statt: Brändström) wie auch die fehlerhaften Ausführungen über die finnische Sprache nur wenig zu beeinträchtigen.

Beglückend sind die Zeichnungen von Prof. Georg Trump, schön im Strich und voller Atmosphäre. Dieses Buch ist – unbeschadet seiner autotouristischen Zweckgebundenheit – ein wirklicher Gewinn für die deutschsprachige Literatur über Skandinavien.

Mit seinem Buch „Schweden und Norwegen – Länder der Mitternachtssonne“ (Safari-Verlag, Berlin 1958, 362 Seiten, 22,50 DM) macht Helmut Schaefer – wie der Klappentext erklärt – „den Versuch, uns die skandinavischen Länder Schweden und Norwegen wieder gefühlsmäßig näherzubringen“. Unter dieser verschwommenen Zielsetzung leidet das Werk bis ins Schlußkapitel hinein. Gegenüber den Hauptabschnitten des Buches über die Flora und Fauna, über die Gletscher und Fjorde, mit denen zweifellos eine gewisse Lücke innerhalb der nichtwissenschaftlichen Literatur geschlossen wird und denen man die Intensität des Selbsterlebten anmerkt, fallen die Kapitel über die geschichtliche Entwicklung, die wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der beiden Länder merklich ab, was nicht so sehr in vereinzelten Irrtümern (zum Beispiel der fälschlichen Gleichsetzung von Saga und Sage), sondern vor allem in der relativen Dürftigkeit des verarbeiteten Stoffes zum Ausdruck kommt. Knut Hamsun wird mit folgenden Sätzen „charakterisiert“: „Dieser schrieb als neunzehnjähriger Schuhmachergeselle seinen ersten Roman und eine Ballade. Er trieb sich dann in der Welt herum und verdiente seinen Lebensunterhalt außer als Publizist und Vortragender zum Beispiel, als Arbeiter und Straßenbahnschaffner. Aus dem Reichtum seines Erlebens hat er in einer hervorragend schönen Sprache seelisch ergreifende Werke geschaffen.“ Dieses Skandinavienbuch jedenfalls spricht keine schöne Sprache.

Deutschsprachige Bücher über Finnlanc sind nicht so selten wie die über Schweden und Norwegen. Werner Nigg: „Finnland – Wälder, Seen und ein mutiges Volk“ (Kümmerly und Frey, Geographischer Verlag, Bern 1958, 192 Seiten, 15,20 DM) schildert in drei Teilen eine Reise vom Südwesten bis nach Lappland, wobei er die Darstellung eigener Eindrücke mit geschichtlichen, kulturhistorischen, geographischen und volkskundlichen Exkursen verknüpft. Obwohl der Finnische Touristenverein in Helsinki das Manuskript des Buches durchgesehen hat, sind leider auch bei dem reinen Tatsachenmaterial viele Fehler und Ungenauigkeiten stehengeblieben: Die Namen der finnischen Provinzen werden (Seite 37) im Geietiv angeführt (zum Beispiel Uudenmaan statt: Uusima). – Auf Seite 73 liest man: „... das Wort Suomi, dessen Bedeutung nicht genau erklärt werden kann und das vielleicht Sumpf- oder Moorland heißt...“ Seit mehr als 50 Jahren ist man sich darüber einig, daß die – etymologisch unmögliche – Ableitung von suo ( = Sumpf ins Reich der Fabel gehört, hier feiert sie mit einem „vielleicht“ wieder fröhlich Urständ!

Da das solide gearbeitete, sich durch klare Sachlichkeit auszeichnende Buch von W. Evers (Suomi-Finnland – Land und Volk im hohen Noiden, Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1950, 167 Seiten, 9,80 DM) im Handel noch zugänglich ist (bei einer Neuauflage wäre allerdings eine etwas breitere Darstellung der kulturellen Verhältnisse zu wünschen!), ist Werner Niggs Finnlandbuch recht überflüssig. Helmut Henning