Während der britische Schatzkanzler mit einer europäischen Recession im Herbst dieses Jahres rechnet, sind in den Vereinigten Staaten bereits zahlreiche Symptome einer vorderhand zwar zaghaften, aber eindeutigen konjunkturellen Wiederbelung zu beobachten. Die Konjunkturgeschichte wiederholt sich nicht. Die letzte Recession der Nachkriegszeit fiel in die Jahre 1953 und 1954. Sie war vor allem durch die Immunität der europäischen Volkswirtschaften gegenüber dem amerikanischen Depressionsbazillus gekennzeichnet. Diesmal vermag zwar Europa dem depressiven Einfluß aus den USA nicht eine ungebrochene Expansion entgegenzustellen; aber im Zeitpunkt, da die Wellen der Recession heftiger an die Ufer unseres Kontinents schlagen, steuert die amerikanische Wirtschaft bereits wieder auf dem Kurs des nächsten Aufschwungs.

Die ersten unsicheren Anzeichen für das nahende Ende des konjunkturellen Niedergangs in den USA zeigen sich, nach einem acht Monate dauernden Schrumpfungsprozeß, schon im April dieses Jahres. Seither häufen sich die Symptome einer Besserung. Das persönliche Einkommen der amerikanischen Volkswirtschaft – ein Index der Massenkaufkraft – hat im Juni den bisherigen Höhepunkt des Jahres 1958 erreicht. Die Stabilisierung dieser wichtigsten Größe im Konjunkturablauf ist eindeutig der automatischen, antizyklischen Wirkung des amerikanischen Staatshaushalts zuzuschreiben. Der Rückgang der privaten Investitionsausgaben hat sich nicht auf die Ausgaben der amerikanischen Konsumenten übertragen; dadurch ist die befürchtete Deflationsspirale vermieden worden. Davon zeugt der Anstieg der Industrieproduktion, deren Index von 126 – dem Tiefpunkt im April – auf 130 im Juni gestiegen ist.

Die Konjunkturprognosen lauten zwar aus Gründen der normalen, saisonalen Abschwächung für den Sommer noch pessimistisch, besonders was die amerikanische Automobil- und Stahlindustrie anbetrifft. Da aber im dritten Quartal ein Anstieg der öffentlichen Ausgaben des Bundes um drei Milliarden Dollar zu erwarten ist, kann bereits für den Herbst zuversichtlich mit einem langsamen Aufschwung gerechnet werden.

Der Aufschwung ist, nach Ansicht eines der bedeutendsten Ökonomen, Prof. Paul A. Samuelson, hauptsächlich auf fogende Faktoren zurückzuführen: 1. Die Zunahme der Staatsausgaben wird den Rückgang der privaten Investitionen neutralisieren. 2. Die Beibehaltung der niedrigen Zinssätze wird den privaten Wohnungsbau weiterhin anregen. 3. Der Lagerabbau, der zur Zeit (weniger stark als vor kurzem) noch anhält, wird bald zu Ende sein. 4. Die Verbraucher werden ihre bisherigen Ausgaben aufrechterhalten. – Die zu erwartende Belebung wird demnach vor allem vom öffentlichen Sektor der amerikanischen Volkswirtschaft ausgehen und vor 1959 kaum die Vollbeschäftigung wieder herstellen. Eine wirkliche Erholung auch der Privatwirtschaft dürfte sich dagegen erst im Laufe des nächsten Jahres einstellen.

Prof. Samuelson hat seinerzeit, wie auch die Volkswirtschaftler des „National Bureau of Economic Research“, den unteren – Wendepunkt der gegenwärtigen amerikanischen Recession mit ziemlicher Sicherheit für den Sommer dieses Jahres vorausgesagt, und schon Ende April begannen einige der heute als maßgebend betrachteten Indices der Konjunkturentwicklung einen langsamen Aufschwung im nächsten Herbst anzuzeigen. Auf Grund dieser günstigen jüngsten Erfahrungen können deshalb die neuen Voraussagen für die amerikanische Wirtschaft mit Vertrauen entgegengenommen werden – die Wissenschaft der Konjunkturprognose hat in den letzten Jahren beträchtliche Fortschritte gemacht. J. S.