Von Ruth Hermann

Früh um sieben Uhr verläßt der Skandinavien-Expreß Hamburg, und kurz nach eins schon können die Reisenden beobachten, wie die Kopenhagener in den Veranden der Restaurants der Vesterbrogade ihre Frokost, ihr Mittagessen, genießen.

Aber die Leute, die aus Hamburg gekommen sind, kann der Anblick von heißem Rindermark auf Toast, von Fischfrikandellen und törtchenförmigen Leberpasteten nicht locken. Sie haben laut Fahrplan zwar gute sechs Stunden Reise hinter sich, sind aber eigentlich nur zweimal je anderthalb Stunden gefahren. Die übrige Zeit haben sie, eine Etage über ihrem Eisenbahnzug, im Fahrschiffrestaurant lustwandelnd zwischen Delikatessen zugebracht. Zwischen Großenbrode-Kai und Gedser auf der dänischen Insel Falster liegen dreieinhalb Stunden Frühstück.

Der Skandinavien-Expreß schiebt sich langsam in das aufgeklappte Fährschiff hinein und die Reisenden lesen vielleicht auf einem Rettungsring den Schiffsnamen „Deutschland“ oder „Theodor Heuss“. Bestimmt aber lesen sie einen der deutlichen Wegweiser zum Restaurant. Fast alle verlassen den Zug. Einige beeilen sich, einen der Tische nahe dem Kalten Büfett zu erreichen. Von diesen Plätzen aus kann man zwar nicht die See erblicken, aber man hat die günstigste Distanz: Der Weg zwischen Tisch und Büfett soll nämlich oft zurückgelegt werden.

Hier geht nicht etwa der Kalender nach! Nein, es sind die Bundesbürger von 1958, die – es ist früh gegen halb neun noch – hungrigen Blickes, ihren Teller in der Hand, freudig aufgeregt das acht Meter lange, zwei Meter breite, in drei Etagen sich präsentierende skandinavische Kalte Büfett umeilen.

Vorsichtig balanciert ein Mann an Tischen und Stühlen vorüber. Er muß aufpassen, daß die Mayonnaise ihm nicht in den Ärmel rinnt und der geräucherte Aal nicht vom Pudding rutscht. Er erreicht ohne Unfall seinen Tisch. Streng überblickt er die Teller seiner Lieben. Gottlob, sie sind alle wohlgefüllt. Die Familie hält sich nicht mit Gesprächen auf, denn Zeit ist Geld. Man kann essen von Großenbrode bis Gedser, und wieviel auch immer man schafft, es kostet pro’ Person stets vier Mark fünfzig. Vater, Mutter, Söhne, Töchter beeilen sich, ihre Teller zu leeren. Den letzten Bissen steckt man im Aufstehen in den Mund und enteilt, um, von neuem Würstchen und Eiersalat, Fleischknödel mit Sahnesoße, Reispudding mit Himbeersaft, Heringskaviar und Schweinebraten aufeinander zu häufen. Die Kellner bringen Getränke, damit es besser rutscht. Aber manche „Blume“ auf dem berühmten dänischen Carlsberg- oder Tuborg-Bier verblüht, weil der, der es trinken will, gerade wieder zum Büfett unterwegs ist. Die Familien verständigen sich pantomimisch, weil man mit vollem Mund schlecht sprechen kann. Und so werden durch Kopfnicken oder einen Wink mit der Gabel die Kinder zum Nachfüllen dirigiert.

Das Schiff ist jetzt fast zwei Stunden unterwegs. Kinder und Ehefrauen beginnen, den Gehorsam zu verweigern. Sie können nicht mehr. Auch Vater kapituliert, zufrieden, daß sein gutes Geld hier nicht verschwendet ist und der Wirt bei ihm jedenfalls falsch spekuliert hat. Heimlich öffnet er einen Knopf, der seinen Leib einengt.