C. W., Meißen

Ich stehe auf dem Turm des Domes zu Maßen, vierzig Meter über dem Burghof, der vor 1030 Jahren unter Kaiser Heinrich I. angelegt wurde. Ich sehe die Stadt unter mit liegen – wie von der Zeit vergessen: die Türme der Kirchen, die Giebel der alten Fachwerkhäuser, die engen Hinterhöfe, die kleinen Gassen Plätze, Stiegen und Treppen am Burgberg die Fabrikschornsteine, die Elbbrücke mit wenigen Fahrzeugen, ein Schlepper, der mit Lastkähnen elbabwärts fährt. Es ist eine Stadt der Zone – daran zu denken fällt schwer, wenn ich den breiten grauen Strom sehe, die Weinberge, das fruchtbare Ackerland, die Schlösser Siebeneichen und Scharfenberg, die Wälder und Wiesen an der Elbe, Kinder, die dort spielen.

Dort unten wurden vor dreizehn Jahren die letzten Stellungen der Ostfront des zweiten Veitkrieges ausgehoben. Aber der Krieg erlosch, ehe er Meißen berühren und verwüsten konnte. Die Stadt blieb unversehrt. Ich sehe einen weißgestrichenen Dampfer auf der Elbe, der sich dem wuchtigen Schatten der Burg und des Domes nähert. Am Heck hat er eine schwarzrotgoldene Fahne gesetzt, das Deck ist von einer Girlande roter und blauer Wimpel überspannt, und am Bug steht eine Gruppe Jungen und Mädel in der Tracht der Thälmann-Pioniere und winkt zum Ufer hinüber, an dem eine Kompanie sowjetischer Pioniere mit Schlauchbooten und Brückengerät übt.

Ich weiß plötzlich wieder, daß auch diese schöne, mittelalterliche Stadt in meine Zeit gehört.

Ich habe mir gemerkt, was Goethe aufschrieb, als er sich vor 154 Jahren Meißen näherte: „Von einer gar freundlichen Abendsonne beleuchtet, sahen wir das schöne Elbtal vor uns und gelangten nach Meißen. Dies ist’s, was am meisten aufheitert, wenn man an Orte kommt, wo der Krieg getobt hat, und doch noch alles auf den Füßen findet...“

Das ist es: Meißen steht noch auf den Füßen. Und wenn auch das gegenwärtige Regime alles daransetzt, die Stadt zu verwandeln: Man spürt es nicht so wie in den vom Krieg verwüsteten Städten; die Vergangenheit kann Widerstand leisten. Übervölkert ist heute die Stadt, von 50 000 Einwohnern sind 20 000 Ostvertriebene. Doch viele von ihnen fühlen sich hier jetzt zu Hause.

Ich denke an den jungen Mann mit dem Parteiabzeichen im Knopfloch, den ich in einer Weinschenke am Markt traf. Er sagte mir: