In jüngster Zeit ist die Legende von der Ermordung Mozarts durch Gift überraschenderweise in einigen Zeitschriften wieder aufgelebt. Sie ist übrigens so alt wie die Mozartbiographie selbst. Schon bald nach dem Tode des Meisters wurde in Wien gemunkelt, es habe damit eine besondere Bewandtnis. Antonio Salieri, Mozarts großer und glücklicherer Konkurrent auf der Opernbühne, wurde mehr oder weniger offen des Mordes beschuldigt. Die ursprüngliche Quelle solcher Gerüchte war vermutlich Constanze Mozart, die leichtfertige Gattin und Witwe, die damit wohl in mancher Hinsicht ihr Gewissen erleichtern wollte. Aber weder einleuchtende psychologische Motive noch hinreichende Beweismittel rechtfertigen es, einen hochachtbaren Mann wie Salieri derart zu verdächtigen. Was freilich in unseren Tagen Mathilde Ludendorff nicht hinderte, das alte Märchen aufzuwärmen, bereichert um die Mordanklage gegen die Freimaurerei, die den Komponisten der „Zauberflöte“ für den Verrat von Logengeheimnissen bestraft haben sollte.

Von besonnenen Historikern würde die einigermaßen romantische Schauergeschichte niemals ernst genommen. Dennoch konnte sie immer wieder einmal fröhlich auferstehen, obwohl es nicht an wissenschaftlichen Untersuchungen gefehlt hat, die erwiesen, daß die Symptome von Mozarts Todeskrankheit ein durchaus (im Sinne der Giftmordhypothese) unverdächtiges Bild ergeben. Eine so gründliche, durchdachte und fachmännisch analysierte vollständige Krankengeschichte, wie sie jetzt vorgelegt wird, hat es allerdings bislang nicht gegeben:

Aloys Greither: „Wolfgang Amadé Mozart – Seine Leidensgeschichte.“ Verlag Lambert Schneider, Heidelberg. 150 S., 7,80 DM.

Der Verfasser ist ao. Professor für Dermatologie in Heidelberg, daneben aber ein ausgezeichneter Mozartkenner, der sich mit einer umfangreichen Studie über „Die sieben großen Opern Mozarts“ (im gleichen Verlage, 1956) in die erste Reihe der Mozart-Experten gestellt hat.

Auch der medizinische Laie kann an Hand dieser Darstellung die Überzeugung gewinnen, daß Greither nicht irrt, wenn er den Keim von Mozarts Todeskrankheit schon in den verschiedenen häufigen und schweren Krankheiten des Knaben Wolfgang findet. Dabei fällt freilich ein wenig günstiges Licht auf den sonst aller Bewunderung werten Vater Leopold, der in seinem ruhelosen Ehrgeiz den beiden „Wunderkindern“ Wolfgang und „Nannerl“ jahrelang Reisestrapazen und geistige Überanstrengungen zumutete, die sich bereits unmittelbar an den zarten jugendlichen Körpern rächten und besonders Wolfgangs Gesundheit für sein ganzes übriges Leben entscheidend untergruben.

Wie der ärztliche Biograph die Todeskrankheit (chronisches Nierenleiden, kompliziert durch einen zusätzlichen Infekt) aus dieser niemals lange unterbrochenen Kette von teils leichteren, teils ernsten Erkrankungen herleitet, das ist so schlüssig, daß man es „beweiskräftig“ nennen möchte. Mozarts Lebensbild wird auch ohne den Mordeffekt um nichts weniger tragisch. Im Gegenteil: der Leser dieser Krankengeschichte wird mit Erschütterung inne, wie überbürdet von Leiden, wie arm an Licht und wie fast ganz ohne fürsorgende Liebe in jedem Alter das Dasein dieses Genius war, der soviel Glanz und Wärme zu verschenken hatte, A-th