Während die großen, längst industrialisierten Volkswirtschaften Westeuropas in den letzten Jahren mit den Problemen der Voll- und Überbeschäftigung und der Vorbereitung des Gemeinsamen Marktes fertig zu werden suchten, tat das kleine und noch überwiegend agrarische Portugal am äußersten Südwestrande des Kontinents die ersten Schritte aus dem Zustand der Armut, Unterbeschäftigung. und volkswirtschaftlicher Rückständigkeit. Dieses Land von der Größe Bayerns und Hessens, mit 8,3 Mill. Einwohnern, dem höchstes Analphabeten-Anteil und einem der niedrigsten Volkseinkommen in Westeuropa, aus dem jährlich 40 000 Personen auswandern, da die Landwirtschaft nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stellt – dieses Land, seit 1928 unter der fast wissenschaftlich zu nennenden Wirtschaftsregie Antonio Salazars, beendet im laufenden Jahr den ersten Sechsjahresplan mit einem seit dem Planbeginn um 20,8 v. H. gestiegenen Sozialprodukt und wird im nächsten Jahr den zweiten Plan für die Periode 1959–64 mit verdoppelten Investitionen beginnen.

Das Investitionsvolumen des ersten Sechsjahresplans Portugals entsprach mit 15 Mrd. Escudos (522 Mill. US-$) einem Drittel des Bruttosozialprodukts von 1953. Die Investitionen des neuen Planes erfordern mit 30 Mrd. Esc. (davon 9 Mrd. für die überseeischen Provinzen) jedoch schon 55,1 v. H. des Produkts im Ausgangsjahr 1959 und verdeutlichen nicht nur die Anstrengungen, die von der Wirtschaft Portugals verlangt werden, sondern auch die Steigerung des portugiesischen Sozialprodukts, die vorausgesetzt wird. Das Sozialprodukt soll um 26,9 v. H. auf 66,8 Mrd. Esc. (2,3 Mrd. US-$), d. h. jährlich um 4,2 v. H. (gegenüber 3,3 v. H. in den Jahren 1950/58) zunehmen.

Dieses mit Hilfe der Planinvestitionen Jahr für Jahr gesteigerte Ergebnis soll aber selbst wieder zu weiterer Steigerung der Erzeugung in Gestalt immer neuer privater und öffentlicher Investitionen beitragen, so daß jährlich 17,6 v. H. des gesamten Sozialprodukts (statt 16 H. in den Jahren 1950/58) und im ganzen 68,5 Mrd. Esc. (2,4 Mrd. US-$) der Vermehrung der Erzeugung zugeführt werden.

Der private Verbrauch, der in einer armen Volkswirtschaft naturgemäß noch einen hohen Anteil am Sozialprodukt beansprucht, soll – bei absoluter Zunahme um 6,7 Mrd. Esc. – seinen Anteil von 77 auf 72 v. H. verringern. Absolut und relativ soll sich auch der Passivsaldo Portugals im Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland verringern, der schon 1957 infolge gesteigerter Importe von Investitionsgütern den Zahlungsbilanzausgleich gefährdete. Er wird für das erste Planjahr 1959 noch auf 3,5 Mrd. Esc. geschätzt, soll für das letzte (1964) aber nur noch 890 Mill. Esc. betragen.

Dementsprechend dienen die Investitionen des zweiten Sechsjahresplanes neben der Produktionssteigerung der Einsparung von Importen und vor allem der Ausfuhrsteigerung. Sie können nunmehr stärker eigentlichen Industrialisierungsvorhaben zugute kommen.

Diese dienen mit 27,5 v. H. aller Plan-Investitionen fast ausschließlich der Schaffung bzw. Erweiterung von Betrieben der Basisindustrien (4,02 Mrd. Esc.), d. h. der Erzeugung von Eisen- und Stahl, Erdölraffinierung, Mineraldüngerherstellung und Zellulose- und Papiererzeugung für Exportzwecke. Hierunter ist der Aufbau einer portugiesischen Eisen- und Stahlindustrie (Kapazität: in 1960 jährlich 200 000 t, ab 1961 300 000 t Walzgüter und 150 000 t Roheisen) das volkswirtschaftlich bedeutendste Vorhaben. Von einem deutsch-belgischen Konsortium durchgeführt, soll es Portugal von der bisherigen Eisen- und Stahleinfuhr unabhängig machen.

Die Planinvestitionen in der Land- und Forstwirtschaft sind mit 3,6 Mrd. Esc. gegenüber dem 1. Plan (1,2 Mrd. Esc. bzw. 10,8 v. H.) verdreifacht worden und für umfangreiche Bewässerungsarbeiten, Ausbau des ländlichen Wegenetzes, Vergrößerung des Lagerhausbestandes, Flurbereinigung und Bekämpfung von Krankheiten und Schädlingen sowie zur Auffüllung des Kreditfonds für Bodenmeliorationen bestimmt.