Dd, Wiesbaden

Die hessiche Landesregierung hat vor dem schlechten Ruf der sogenannten „Todesstrecke“, der Autobahn Frankfurt-Heidelberg, kapituliert und auf Vorschlag des Innenministeriums – trotz erheblicher Bedenken des Verkehrsministers – für diesen Abschnitt eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 Stundenkilometer angeordnet.

Nach der offiziellen Statistik ereigneten sich zwar auf diesem Autobahnstück im Verhältnis zu seiner Verkehrsdichte nicht mehr Unfälle als auf jeder anderen Bundesstraße oder Autobahn; aber eine Reihe von tödlichen Unfällen hatten in den letzten Wochen die Öffentlichkeit aufgestört, den Namen „Todesstrecke“ wieder in Erinnerung gebracht und schließlich eine hitzige Landtagsdebatte heraufbeschworen. Hier wurden eine Fülle utopischer Verbesserungsvorschläge besprochen. Als letzter Schluß ministerieller Weisheit kam dann jene Geschwindigkeitsbegrenzung, von der Landesverkehrsminister Franke sagt: „Ich bin nach wie vor gegen die Beschränkung auf 100 Stundenkilometer, wenn ich mich auch in diesem Fall damit einverstanden erklärt habe. Geschwindigkeitsbegrenzungen nehmen Schnell–Straßen ihren eigentlichen Sinn!“

Die hessischen Verkehrsexperten haben errechnet, daß jenes Autobahnstück, das älteste des deutschen Netzes, in vierundzwanzig Stunden von 25 000 bis 28 000 Fahrzeugen benutzt wird. Es ist jedoch auf eine Tageskapazität von 40000 Fahrzeugen berechnet. „Von einer Überlastung kann eigentlich keine Rede sein“, meint der zuständige Referent.

Bei einer Spitzenbelastung von 36 000 pro Tag, also 1500 in der Stunde, kann man in beiden Richtungen alle fünf Sekunden ein Fahrzeug erwarten; das ergibt bei 70 bis 75 Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit Abstände von etwa 100 Metern, oder – wenn sich die Hälfte jeveils auf der Überholspur befindet – jeweils 200 Meter Abstand von Fahrzeug zu Fahrzeug.

Trotz dieses theoretisch ermittelten Befundes, der gegen die Behauptung von einer „Überlastung“ der Autobahn spricht, schlug Landesverkehrsminister Franke den Abgeordneten den Bau einer oder mehrerer Entlastungsstraßen vor – ein Plan, der anscheinend besonders in Rheinland-Pfalz Beifalll findet und für den auch das Land Baden-Württemberg interessiert, werden soll. Nach den hessischen Vorschlägen soll parallel zu der Strecke Frankfurt-Heidelberg – die alte Bergstraße als Schnellstraße ausgebaut werden, eine weitere Autobahn in die Rheinebene gelegt oder eine vollkommen neue Strecke aus der Wiesbadener Gegend linksrheinisch nach Worms – Ludwigshafen – Karlsruhe gelegt werden.

Allen diesen Plänen ist gemeinsam, daß ihre Verwirklichung gewaltige Summen verschlingen würde (die vermutlich der Bundesverkehrsminister aufbringen müßte) und daß mit einem Baubeginn nicht vor drei Jahren, mit einer Fertigstellung nicht vor sechs bis acht Jahren gerechnet werden könnte. Die Diskussion solcher Pläne dient daher ebenso wie die Geschwindigkeitsbegrenzung, die probeweise Anbringung von Blendschutzanlagen neuen Musters und die Anpflanzung von Heckenrosen auf dem Mittelstreifen in erster Linie der Beruhigung des Publikums.