Ein Schwarzwaldhaus, wie es in jedem Erdkundebuch oder auf einem Quartett-Spiel abgebildet sein könnte: ein stattlicher Holzbau mit gewichtigem Schindeldach und langem, schmalem Balkon darunter. Das ist der „Adler“ in Hinterzarten im Hochschwarzwald. Im Verlauf einiger Jahrhunderte zwar mehrfach umgebaut, aber in seiner ursprünglichen, bäuerlichen Bauweise mit niedrigen Deckenbalken bis heute erhalten.

Das Wirtshaus zum „Adler“ ist ein Musterbeispiel Für die Entwicklungsgeschichte der Schwarzwälder Gastronomie. Der „Adler“ lag genau an der richtigen Stelle, als die Erzherzogin Marie Antoinette auf der Reise von Wien nach Paris, wo sie Hochzeit feiern wollte, mit ihrem Hofstaat ein Nachtquartier suchte. Das war im Jahre 1770. Der noch nicht ganz 15 jährigen Erzherzogin gefiel es im „Adler“ in Hinterzarten, wo man mit Pferd und Wagen unter das breite Vordach fahren konnte und wo im Gastzimmer der Efeu unter der niedrigen Decke rankte. Dazu konnte der „Adler“-Wirt noch beruhigen, daß die Fahrt durch das Höllental nach Freiburg jetzt gar nicht mehr gefährlich sei. Eigens für die Hochzeitsfahrt war die Straße ausgebaut worden. Und das alles ist heute noch so: Der rankende Efeu unter der Decke in der „Adler“-Gaststube und die ungefährliche Straße durch das Höllental.

Seit 1446 ist das Haus in ununterbrochener Geschlechterfolge im Besitz der gleichen Familie. In Kirchenbüchern und Chroniken kann man nachlesen, wie es mit einer Wirtsstube und zwei Tischen anfing. Wie der Gasthof zur Posthalterei wurde, mit Pferdewechsel und allem, was dazu gehört. Und wie sich rings um das Poststübchen der „Adler“ entwickelt hat, von dem heute manche sagen werden: Wer den „Adler“ nicht kennt, kennt das Feldberggebiet nicht.

Jede „Adler“-Wirt-Generation hat ihren Teil dazu beigetragen, daß das Haus immer den Ansprüchen der Zeit gewachsen war. Aus den Remisen für die Postkutschen und Staatskaleschen wurden Garagen. Wo früher der Pferdestall war, in heute ein elegantes Konferenzzimmer. Um die Jahrhundertwende kam eine Dependance dazu, und aus der ländlich schlichten Dependance ist heute ein Hotel geworden, das in seiner Ausstattung als eines der exklusivsten und doch gemütlichsten Häuser im südlichen Schwarzwald gilt. Der unterirdische Gang (mit Bar), der Hotel und „Adler“-Gasthaus verbindet, wird besonders in Winter geschätzt.

Das Gästebuch im „Adler“ könnte Autogrammsammler in helles Entzücken versetzen. Ein dicker vergilbter Wälzer, in dem sich Europas Prominenz verewigt hat. Es beginnt mit den Namenszügen einer ganzen Galerie Großherzoginnen und Herzoginnen – wobei die begleitenden Hofdamen ihre Unterschrift in respektvollem Abstand von einigen Zentimetern daruntersetzten – und reicht bis zu den „markigen“ Schriftzügen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Dazwischen Preußenprinzen, Bischöfe, Diplomaten, indische Fürsten, Rennfahrer, Sterne des Filmhimmels und Eintragungen in japanischen und chinesischen Schriftzeichen. Alle saßen sie in der rauchgeschwärzten, tannengedielten Bauernstube und tranken ihr „Viertele“.

Was hier vom „Adler“ gesagt worden ist, gilt auch für den größten Teil des Gastgewerbes im Schwarzwald. Die Mehrheit der Gasthöfe ist im Familienbesitz – anonyme Hotelgesellschaften sind sehr selten. Diese Familiengasthöfe (oder Hotels) sind eine Mischung von „Schwarzwald aus erster Hand“, häuslicher Behaglichkeit und modernem Komfort. Der „Adler“ zeigt mit seiner neuen Firmenbezeichnung die Richtung, in der die Entwicklung gegangen ist und nach Meinung der Experten weitergehen wird: Aus dem „Adler-Wirtshaus“ ist ein „Park-Hotel Adler“ geworden. Das Hotel bietet seinen Gästen nicht nur eine ausgeklügelte Speisekarte (wo selbstverständlich die heimischen Spezialitäten bevorzugt werden), sondern auch ein großes Reservat von Wiesen und Wäldern, mit Tennisplätzen, Schwimmbad, Golf und Tierpark.

Wenn trotz dieser „Veränderungen“ noch heute, wie vor Jahrzehnten, auch die Einheimischen in den „Adler“ kommen, um in der Bauernstube ihr Sonntags-Viertele zu trinken, dann zeigt das, daß der „Adler“ sich im Grunde doch nicht verändert hat. Geblieben ist auch die „richtige Lage“. Der „Gast von heute“ bleibt nicht mehr wochenlang am gleichen Ort. Er „reist“ und der Südschwarzwald verbindet den Norden mit der Schweiz und Italien, den Westen über das Höllental mit dem Bodensee und Österreich. So empfiehlt sich „Der Adler“ – wie vor bald 200 Jahren auch heute zum Übernachten und „Ausspannen“. G. Ziegler