Es interveniert keiner, es sei, er hätte denn eine Interventionstruppe ... Letzte Woche bekamen die Angelsachsen die fortdauernde Gültigkeit dieser Erkenntnis zu spüren.

Die Amerikaner sahen sich gezwungen, zur Auffüllung ihres 11 000 Mann starken Landungskorps auf die in Westdeutschland stationierten NATO-Kontingente zurückzugreifen. Zwar verlegten sie dafür Einheiten des Strategischen Armeekommandos in die Bundesrepublik, doch ist diese im Mai geschaffene „Eingreif-Gruppe“ gerade eben erst etappenreif und noch längst nicht voll verwendungsfähig. Der vorderste Schützengraben der westlichen Allianz ist also wieder eines Teiles seiner Wachmannschaften entblößt worden.

Bei den Engländern sieht es noch übler aus: um jene 6000 Mann auf die Beine zu bringen, die sie eilends nach Jordanien warfen, haben sie ihre strategische Reserve erschöpft. Falls sie Verstärkung für Nahost brauchen, bleibt ihnen jetzt nur der Rückgriff auf die Rheinarmee oder die Einberufung von Reservisten. Besonders fatal wirkte sich bei dem Jordanien-Unternehmen der akute Mangel an Lufttransprortraum aus. Das englische Expeditionskorps mußte zum Teil mit gecharterten Zivilflugzeugen nach Zypern geflogen werden ...

Es rächt sich jetzt jene Umrüstung der letzten Jahre, die die Verteidigung ganz auf eine einbeinige Atomschreckstrategie abstellt, ihr aber die Mittel nimmt, kleinen lokalen Ausbrüchen mit konventionellen Mitteln zu begegnen.

Vielleicht könnte man sich damit trösten, daß sich England – wenn das Umrüstungsprogramm seines Verteidigungsministers Duncan Sandys durchgeführt und das Heer auf die Hälfte seiner jetzigen Stärke reduziert wird – in zwei Jahren auf keinerlei Interventionsabenteuer mehr einlassen kann, weil ihm einfach die Soldaten dazu fehlen werden. Aber das ist nur ein magerer Trost: denn Kurzschlußhandlungen sollten durch Klugheit, nicht durch Ohnmacht verhindert werden. ts.