Vierzehn Jahre danach in der Bendlerstraße – Professor Carlo Schmids Gedenkrede zum 20. Juli 1944

Wie in jedem Jahr, fand auch diesmal in Berlin eine Feier zum Gedächtnis der Opfer des 20. Juli 1944 statt. Schon am Vorabend hatte sich eine große Gemeinde an der Hinrichtungsstätte in Plötzensee versammelt. Am Stadtrand von Berlin steht dort im Schatten alter Bäume jener Backsteinschuppen, in dem die Revolutionäre gegen Hitler gehenkt worden sind. Noch ragen die schweren eisernen Haken, die als Galgen dienten, in dem dunklen, sparsam mit ein paar alten Fahnen und Lorbeerbäumen geschmückten Raum. Am Tage selbst hielt Professor Carlo Schmid im Hof des ehemaligen Reichskriegsministeriums in der ehemaligen Bendlerstraße eine eindrucksvolle Gedenkrede, die wir hier abdrucken.

In den Ruhmeshallen der Völker haben von jeher die Standbilder der großen Befreier den vornehmsten Platz eingenommen. Und in den Annalen und Heldenliedern wurde denen das schönste Preislied gesungen, die den Tyrannen verjagten, die dem Tyrannen den Dolch ins Herz gestoßen haben. Nirgends sind Taten wie jene, die Claus Staufenberg und seine Gefährten begingen, als Morde angesehen worden, nirgends als ein „crimen laesae majestatis“, als Verbrechen gegen die Hoheit des im Träger der Herrschaftsgewalt sich verkörpernden Staates.

Harmodios und Aristogeiton, die Brutusse aller Zeiten, gingen als Vorbilder hoher Menschlichkeit und edler Vaterlandsliebe noch in die Schulbücher ein.

Freilich hat es die Tieferdenkenden immer bewegt, ob der Gehorsam, den man der Obrigkeit schuldet, es gestatte, dem Tyrannen gegenüber zum tödlichen Stahl zu greifen. Ganze Rechtsschulen haben sich in der Antwort auf die so gestellte Frage entzweit, und jene, die sie bejahten, mußten es sich gefallen lassen, Monarchomachen gescholten zu werden.

Den Eid gebrochen?

Aber schließlich hat doch bis in die Theologie hinein das Wissen um das Recht des Menschen gesiegt, sich mit jedem Mittel von denen zu befreien, die es ihm unmöglich machen, nach seiner Bestimmung zu leben – mit allen Mitteln das Joch derer abzuschütteln, die den Menschen zum seelenlosen Objekt ihrer verbrecherischen Willkür degradieren und ihn zwingen, zum Komplicen ihrer Unmenschlichkeit zu werden.