Brüssel, im Juli

Im Filmtheater „Metropol“ in Brüssel ist jetzt der Film zu sehen, der bei dem improvisierten Filmfestival der EXPO 58 den „Grand Prix“ erhalten hat. Es ist ein Film der tschechoslowakischen Staatsproduktion, „L’invention diabolique“ (Die teuflische Erfindung). Der Film ist inspiriert durch die Werke des großen französischen Phantasten Jules Verne.

Ein Wissenschaftler erfindet einen Sprengstoff von unwahrscheinlicher Wirkung, einen Sprengstoff, der die ganze Welt vernichten könnte. Davon erfährt der Pirat Artigas und entführt den Forscher auf eine unbekannte Insel, die durch die Tätigkeit eines Vulkans, von niemandem beobachtet, im Atlantischen Ozean entstand und von der übrigen Welt unbeachtet blieb. In einer riesigen unterirdischen Grotte ließ Artigas eine Stadt erbauen, die auf lange Zeit für Professor Roch und seinen jungen Assistenten Ing. Hart zum Gefängnis werden soll.

Der Zutritt zu dieser Grotte mit der geheimnisvollen unterirdischen Stadt befindet sich unter dem Meeresspiegel. Der Pirat Artigas, mit allen Merkmalen menschlicher Niederträchtigkeit und Habgier, stellt beiden Wissenschaftlern alle Bewohner der unterirdischen Stadt zur Verfügung und spornt sie zur baldigen Beendigung der wissenschaftlichen Arbeiten an. Er versichert ihnen, daß ihr Werk dem Fortschritt und der ganzen Menschheit dienen wird. Ing. Hart findet bald die entgegengesetzte Wahrheit heraus. Von dem unmenschlichen Artigas droht der Menschheit größte Gefahr. Roch entschließt sich – nach schweren inneren Kämpfen – sein Werk selbst zu vernichten. Sein geheimnisvoller Sprengstoff zerstört die unterirdische Stadt mit allen ihren Bewohnern. Unter den Opfern befindet sich auch der alte Professor selbst. Ing. Hart und ein junges Mädchen sind die einzigen, die sich retten können.

Das Drehbuch stammt von dem jungen tschechischen Schriftsteller Jiři Brdečka. Der Film ist hauptsächlich von der technischen Seite interessant: Es ist ein Trickfilm, der teils gezeichnet, teils gespielt ist. Durch die vollkommene Technik verschwindet jede Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie, zwischen lebenden Schauspielern und gezeichneten Szenen. Der Film übersetzt die Atmosphäre der klassischen Illustrationen der Verneschen Bücher, wie sie in unserer persönlichen Jugenderinnerung leben. Er ahmt sogar ihre Zeichentechnik nach. Wie in der amerikanischen Jules-Verne-Interpretation des verunglückten Michael Todd, „Eine Reise um die Welt“, steigen wieder Ballons zum Himmel auf, aus deren Körben Herren mit grauen Vollbärten und Damen mit Schleppen Sandsäcke herauswerfen, Luftschiffe mit riesigen Steuerrädern bewegen sich lautlos in den Wolken. Es erscheinen dunkle Arbeitszimmer mit Globen, Reagenzgläsern und rätselhaften Instrumenten, verzauberte Häuser auf unbekannten Inseln. Unter dem Meeresspiegel bewegen sich phantastische Unterseeboote mit großen Schnäbeln und Flossen. Es ist wirklicher Jules Verne, plötzlich umgeben uns die Kulissen unserer eigenen Jugend, wir vergessen die sich aufdrängende Parallele zur Atombombe und den politischen Beigeschmack des bösen Artigas: die Illusion ist vollkommen.

Der Regisseur Zeman benutzte hier mit einem breiten Kollektiv von Mitarbeitern, wie ihn die staatliche Filmindustrie erlaubt, die unbegrenzten Möglichkeiten des Films: Trickzeichnungen werden durch Spielfilm ergänzt, beides vereint sich zu einer mystischen Mischung. Nach den schon vielfach bekannten Puppenspielfilmen von Jiři Trnka gelang den Tschechen ein weiteres Film-Experiment. In diesem Sinne ist auch die Entscheidung der internationalen Jury zum „Grand prix“ zu verstehen.

Es bleibt noch zu bemerken, daß die Parteiführung des tschechoslowakischen Staatlichen Filmes den Entwurf Zemans nicht mit Begeisterung aufgenommen hat. Er ist weder sozialistisch, noch realistisch, feiert keinen „sozialistischen“ Aufbau, spricht nicht von „sozialistischem Fortschritt“, seine Helden sind weder ein junge Melkerin, noch ein parteibewußter Traktorist. Im Gegenteil: der Film ist sezessionistisch, surrealistisch, märchenhaft, unwirklich und voller Zauber der Vergangenheit. Vielleicht wird dieser Filmerfolg eine Lehre für die tschechoslowakischen Produzenten sein. Romy Mestan