Von M. Y. Ben-gavriel

Einer meiner Lehrer – ich hoffe inbrünstig, daß die verschiedenen Schulreformen Lehrer seiner Art ausgerottet haben – pflegte mit der Hartnäckigkeit eines lukianischen Esels zu sagen: Merkt es euch, ihr Knaben, Lügen haben kurze Beine!

Damals ging mir diese nur schwer vorstellbare Monstrosität eines Abstraktums zu einem Ohr hinein und kam überhaupt nicht erst zum andern Ohr. Und in dem Augenblick, da ich der Reichweite der Magister entkommen war, versank die professorale Binsenweisheit in die entlegenste Abteilung meines Vergessens.

Bis vor kurzem, durch irgendeinen flüchtigen Gedankenkurzschluß aktiviert, die Erinnerung an diese Mißgeburt einer Lebensmaxime aus dem Unterbewußten emporschnellte. Und wie es in solchen Fällen mitunter geschieht, setzte sie sich mit wachsender Anhänglichkeit derart in mir fest, daß ein Gedanke den andern gab und ich mich schließ lich gezwungen sah, mich mit dem Problem der Lüge zu beschäftigen.

Das erste war ein glückliches Ergebnis: Ich erkannte, daß dieses „Lügen haben kurze Beine“ als völlige Entstellung einer Tatsache – eine Lüge also, sozusagen – nichts anderes ist als eine der Selbstsicherungen von Leuten in moralischen Schlüsselstellungen, welche es sich nicht zutrauen, eine Lüge als solche zu agnoszieren. Lügen, meine Herren, haben nämlich in Wahrheit lange Beine Ich selber habe in meinen Tagen eine ganze Menge von Lügen kennengelernt, die zwanzigmal um die Erde durchaus nicht hinkten, auch nicht krochen, sondern in gewaltiger Eile herumsausten. Und zwar, wie ich betonen möchte, ohne die geringsten Symptome von Müdigkeit oder Substanzverlust aufzuweisen, was bei Kurzbeinigkeit stets der Fall ist.

Ich begann geduldig über das Wesen der Lüge nachzudenken. Vor allem fielen mir natürlich ein paar diesbezügliche Redensarten, wie man sie so leichtfertig braucht, ein. So zum Beispiel: „Eine halbe Wahrheit ist eine Lüge.“

Ausgezeichnet! Wenn dies auch den ersten Teil einer moralischen und keiner algebraischen Gleichung darstellt, kann man als zweiten Teil daraus logisch folgern, daß eine halbe Lüge eine Wahrheit sein muß. Oder – ich bin ein wenig schwach in Mathematik: eine ganze Lüge eine halbe Wahrheit