Von Otto F. Beer

Japan, der östlichste Brückenpfeiler unserer Kultur, hat in einem Jahrhundert zweimal unsere abendländische Malerei entscheidend befruchtet: zuerst, als es die Impressionisten Duftigkeit des Pinsels und die Kunst des Weglassens lehrte; ein zweitesmal, als seine symbolhafte Formensprache auf die Abstrakten auszustrahlen begann. Wir erkennen den Widerschein japanischer Architektur in der Großflächigkeit und Raumspannung europäischen Bauens von heute und können die Konzentriertheit und gestische Knappheit japanischer Lyrik in unserer Literatur weiter verfolgen.

Wenig Verständnis bekundet der Westen vorläufig noch für den Umstand, daß all diese künsterischen Manifestationen nur Außenflächen eines geistigen Erlebens darstellen, daß in ihnen eine bestimmte Seelenhaltung wohnt, sie bedingend und ihre Erscheinungsform prägend.

Der bedeutendste Interpret japanischer Philosophie für den Westen hat in einem jetzt als billiges Taschenbuch vorliegenden Werk versucht, vom Künstlerischen her eine Brücke nach den oft unzugänglichen Bezirken fernöstlicher Philosophie zu schlagen.

Daisetz Teitaro Suzuki: „Zen und die Kultur Japans“; Rowohlt Verlag, Hamburg; 150 S., 1,90 DM.

Suzuki, heute weit über achtzig und Professor in der Universität Kyoto, geht hier von japanischen Lebensäußerungen wie der Tee-Zeremonie, dem Schwerttanz, dem Bogenschießen aus und zeigt, was sie bedeuten. Er bekundet etwa, wie es beim Tanz nicht bloß auf körperliche Gewandtheit ankommt, sondern auf eine Kunst der Konzentration. des „unbewegten Begreifens“, das wohl eher ein unerregtes Begreifen darstellt, kurz auf eine Geisteshaltung, in der alles Technische nach langfristiger Vorbereitung längst selbstverständlich geworden ist, so daß im entscheidenden Augenblick nur das Es handelt.

Denn es ist das Freudsche ES, dem wir in der Lehre von Zen wiederbegegnen. Die Japaner und mit ihnen die Chinesen kennen es bereits runde anderthalb Jahrtausende länger als die abendländische Naturwissenschaft, ja, sie haben in ihm sogar Feinheiten und Abstufungen unterschieden, die wir Europäer noch nicht zu trennen gelernt haben. Ein anderes Buch behandelt diese Lehre: