M. D., London, im Juli

Die Lizenz für eine der neuen Fernsehstationen – das ist so gut wie die Genehmigung, Geld zu drucken“, bemerkte ein ebenso nächtiger wie geschäftstüchtiger englischer Zeiungsverleger, als er zum erstenmal den Text jenes Gesetzes las, das im Jahre 1954 das kommerzielle Fernsehen in Großbritannien begründete.

Dieser Tage wurde offenkundig, wie recht er mit seiner Prophezeiung gehabt hatte. Eine der sechs Gesellschaften, denen damals die Lizenz zur Herstellung von Fernsehprogrammen erteilt worden war, hat im vergangenen Jahr – so wurde jetzt bekannt – einen Gewinn von rund 42 Millionen Mark eingestrichen. Und wenn auch nach nicht alle sechs Gesellschaften die Verluste der Anfangsjahre 1955/56 schon wieder herausgewirtschaftet haben, so steht doch das eine fest: Hier sind enorme Profite zu machen. Diese Erkenntnis aber verleiht der Kontroverse, die jenseits des Kanals um die Einrichtung eines dritten TV-Programms entbrannt ist, besondere Würze.

Gegenwärtig gibt es in England nur zwei TV-Kanäle. Der eine wird von der British Broadcasting Corporation betrieben, einer öffentlichen Anstalt, die der Staat nur sehr locker kontrolliert, der andere – die ITA – von den neuen kommerziellen Unternehmen. Wer soll nun die Lizenz für das dritte Programm erhalten – BBC oder ITA?

„Das dritte Auge beginnt glitzernd an der Stirn des Buddha Big Business zu funkeln“, erregte sich jüngst der linksstehende New Statesman. In der Tat sammeln sich die Lobbyisten des Werbefernsehens bereits zum Sturm auf das neue Programm. Nicht nur die derzeitigen Programmproduzenten, die sich ausdehnen wollen, nicht nur die Wirtschaft und die Werbeleute drängen an die Kommerzialisierung des dritten Kanals, sondern auch viele Spekulanten, die sich gern an der Ausbeutung der neuentdeckten Goldgrube beteiligen wollen.

Diese Aussicht freilich läßt manche jener Befürchtungen hinsichtlich des Webefernsehens Wiederaufleben, die in den letzten beiden Jahren nach und nach verstummt waren. Verstummt – denn das Werbefernsehen in England hatte in diesen beiden Jahren nicht nur an Geld, sondern auch an Prestige gewonnen. Es stellte Macmillan und den Erzbischof von Canterbury auf dem Bildschirm vor, entwickelte einen neuen, unternehmungsfreudigen Typ von Nachrichtensendung und sendete ernste und ernst zu nehmende Programme über die Künste und das Parlament.

So hatte es, indem es die Auswüchse des amerikanischen Fernsehens vermied, viele seiner Kritiker bekehrt. Der Manchester Guardian – eine seriöse Tageszeitung, die 1954 Gift und Galle gegen das kommerzielle Fernsehen spie – hat eben selbst Anteile in einer TV-Gesellschaft erworben. Und die Labour Party, die laut offiziellem Parteiprogramm auf die Abschaffung des Werbefernsehens festgelegt ist, zieht es vor, davon nicht mehr zu reden, seit dessen Sendungen gerade in den Labour-Hochburgen zur beliebtesten Unterhaltung geworden sind.