Von Gottfried Sello

Vielleicht ist das Stichwort von den Fauves, den "wilden Tieren", zu früh gefallen damals im Pariser Herbstsalon von 1905, als der Kunstkritiker Louis Vauxcelles die um Matisse gescharten Maler mit diesem wenig schmeichel- – haften Ausdruck bedachte. Wie zahm waren diese Wilden – verglichen mit späteren Generationen Der Fauvismus ist lange vorbei, ist zum Stilbegriff für eine auf wenige Jahre und auf Paris beschränkte Bewegung geworden. Aber seitdem die Pariser Maler den Schimpf der Wildheit nicht nur mit Fassung ertrugen, sondern als einen Ehrentitel akzeptierten, ist Wildheit salonfähig geblieben. Jackson Pollock ist ein amerikanischer Wilder, ein Super-Fauve – und längst salonfähig. Mehr als das: er gilt als Repräsentant der Kunst seines Landes. Die amerikanischen Behörden haben eine Europa-Tournee seines Werkes organisiert. Es war in Rom, Basel und Amsterdam ausgestellt und ist jetzt nach Hamburg gekommen. In der Hamburger Kunsthalle bleibt es bis zum 17. August. Die nächsten Stationen der Reise sind London und Paris. Der offizielle Charakter der Tournee steht außer Zweifel. Der jeweils ranghöchste Vertreter der Vereinigten Staaten, in Hamburg der amerikanische Generalkonsul, eröffnet persönlich die Ausstellung.

Es ist schon seltsam und ziemlich komisch, wie rasch heute das extrem Wilde, das bestürzend Extravagante den Stempel des Offiziellen erhält. Pollock selber, wenn er noch lebte, würde wahrscheinlich darüber lächeln. Aber er ist 1956, im Alter von 44 Jahren, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Immerhin hat er noch erlebt, daß sein Stil und seine Arbeitsweise Schule gemacht haben – nicht nur in Amerika. Man hat, was Pollock praktizierte, später "Tachismus" genannt, und dieser Stil hat unter den jungen Künstlern in allen Ländern der Alten und Neuen Welt begeisterte Anhänger und Nachahmer gefunden.

Pollock begann in den frühen dreißiger Jahren als realistischer Maler typisch amerikanischer Prägung. Aber die europäischen Einflüsse speziell der Pariser Schule waren stärker als die anti-europäischen Tendenzen seines New Yorker Lehrers Thomas Benton.

"Seine frühen Bilder glichen einem Schlachtfeld, das mit Leichen aus den Werken von Picasso, Masson, Miró und Bruchstücken der Indianerkunst bedeckt war", sagt Sam Hunter vom Museum of Modern Art, New York, in seinem Vorwort zum Ausstellungskatalog.

Das ändert sich nach dem Kriege. Pollock will mit Gewalt aus den überlieferten, den herkömmlichen, den ausgetretenen Geleisen ausbrechen. Etwas unbedingt Neues soll anfangen, das mit Realismus und Surrealismus, mit expressiver und abstrakter Malerei nichts mehr zu tun. Er findet den Ansatzpunkt für dieses Neue da, wo es noch keiner gesucht hat, nämlich beim Vorgang des Malens. Malen heißt: Farben auf eine Fläche bringen. Normalerweise geschieht das mit Hilfe des Pinsels. Aber es geht auch anders. Pollock versucht neue Methoden. Er drückt die Farben direkt aus der Tube auf die Malfläche, er spritzt sie auf die Leinwand, er knetet und wringt sie mit den Händen, er legt die Leinwand auf den Baden und läßt die Farben darüber träufeln und tropfen, er schwingt den triefenden Pinsel in wechselnden Rhythmen über die Malfläche – "einem Cowboy vergleichbar, der sein Lasso wirbelt", sagt Mr. Hunter.

Erst Pollocks Epigonen und Interpreten machten aus diesem Malverfahren etwas schwer Erträgliches: ein Glaubensdogma, einen Geheimkult. Die "Tropfmethode" galt ihnen als der Weg, den "psychischen Automatismus" in Gang zu setzen, sich übersinnlichen, kosmischen, irrationalen Mächten auszuliefern, den kontrollierenden Verstand mit Hilfe des Zufalls (oder was immer in Form des Zufalls wirksam wird) außer Funktion zu setzen – nach der Devise: Nicht ICH male, ES malt durch mich.