Der folgende Aufsatz steht in Parallele zu dem in Nr. 15 der ZEIT erschienenen Artikel „Wirtschaftspolitik im Alltag des Betriebes“. An einem Beispiel vorbildlicher Publizität – an Hand des Geschäftsberichts der Zellstoffabrik Waldhof – sollte in jenem Aufsatz dem Leser und dem Aktionär gezeigt werden, wie bedeutungsvoll die Entscheidungen der staatlichen Wirtschaftspolitik für die unternehmerische Praxis sind, und in welcher Weise sie sich hier konkretisieren. Diesmal knüpft unser Autor an Ausführungen an, die auf der letzten Hauptversammlung der Phoenix Gummiwerke AG in Hamburg-Harburg von Generaldirektor Otto A. Friedrich und von dem Vorsitzer des Aufsichtsrates Dr. h. c. Albert Schäfer gemacht worden sind, wobei es ihm auch hier darauf ankommt, den engen Zusammenhang von unternehmungspolitischen Erwägungen und wirtschaftspolitischen Folgerungen darzulegen.

Es könnte sein, daß Sie eine Phoenix-Aktie kaufen wollten – warum auch nicht? Die Harburger Phoenix ist ein altes, hoch angesehenes und vorbildlich solide geführtes Unternehmen. Zwar ist die Rendite der Aktie, bei einem Kurs von (etwa) 325 und elf v. H. Dividende, mit rund 3,4 v. H. relativ niedrig, und eine besondere „Phantasie“ liegt auch nicht in dem Papier: weder sind Interessenkäufe im Gange oder auch nur zu erwarten, noch sind Aufstockungsaktien in Sicht aber Sie könnten ja eventuell trotzdem die im Moment verfügbaren 3 250 DM (oder ein Mehrfaches dieser Summe) gerade in dieser Aktie anzulegen wünschen.

Die Schwierigkeit ist dann nur, zum Zuge zu kommen. Denn wenn auch die Phoenix-Aktie jeden Tag im Kurszettel aufgeführt wird, so heißt das noch nicht, daß sie an jedem Börsentag gehandelt wird, daß also „Material“ im Angebot verfügbar ist. Die Rekordpräsenz bei der letzten Hauptversammlung, wo ein knappes Dutzend von Aktionären über 95 v. H. des gesamten Kapitals vertraten, hat wieder einmal dokumentiert, was man schon längst weiß: daß nämlich nur wenige „außenstehende“ oder „freie“ Aktionäre vorhanden sind, daß also fast der gesamte Besitz in der Hand einiger weniger Gruppen liegt, die ihre Beteiligungen z. T. schon seit Generationen halten und sich recht gut zu vertragen wissen: als eine veritable „Aktionärsfamilie“ (deren Zusammenhalt auch nicht gelitten hat, als die Firestone-Gruppe, Akron/Ohio, vor einigen Jahren ein stattliches Paket, von etwa 25 v. H. des Aktienkapitals erwarb).

Dergleichen ist im deutschen Aktienwesen durchaus keine Ausnahme, wenn auch natürlich Unternehmungen dieser Art weniger Beachtung finden, als jene mit tausenden von Einzelaktionären, oder solche, bei denen Minderheitengruppen ihre mehr oder minder offenen Kämpfe um die Majorität oder um eine Interessenabgrenzung austragen. Das Faktum ist aber immerhin erwähnenswert, weil es zu einem besseren Verständnis der kapitalmarkt-politischen Linie verhilft, die im Hause der Phoenix verfolgt wird. Als Richtschnur für die eigene Finanzierungspraxis gilt da nämlich, daß man dem wachsenden Geschäftsumfang durch Eigenkapital-Erhöhungen Rechnung trägt, und nicht durch Hereinnahme von Obligationenkapital. Das zeigt die Tatsache, daß man das 1948 (1 zu 1) auf zwölf Mit DM umgestellte Aktienkapital mittlerweile schrittweise auf 25 Mill. erhöht hat, während weitere fünf Mill. DM autorisiertes Kapital aus der letzten Kapitalerhöhung in einigen Monaten begeben werden sollen, um aus dem Erlös, zusammen mit Selbstfinanzierungsmitteln, das Investitionsprogramm für 1959 zu finanzieren. Für den gleichen Zeitraum sind insgesamt rd. 51 Mill. DM Zugänge bei den Anlagen ausgewiesen worden, denen 40,5 Mill. Abschreibungen gegenüberstehen. (Und das bei rd. sechs Mill. DM Sachanlagen in der DM-Eröffnungsbilanz!)

Um die ständig Wache Skepsis recht zu verstehen, mit der Otto A. Friedrich die kreditpolitische Entwicklung beurteilt – und das seit Jahren schon –, ist es geboten, einen Blick auf die Struktur des Unternehmens und der kautschukverarbeitenden Branche im allgemeinen zu werfen. Die Mahnungen der Phoenix und speziell ihres Generaldirektors gehen dahin, daß eine Konsolidierung des kurzfristigen Kredits die vordringliche Aufgabe sei – wobei natürlich auch an die Umschuldung in diese oder jene Formen des langfristigen Kredits gedacht ist, primär aber an eine Verstärkung der Eigenkapitalbasis. Daß Otto A. Friedrich dieses „sein Anliegen‘ mit besonderem Nachdruck vertritt, hat gelegentlich zu dem Mißverständnis geführt, er spreche da wohl „in eigener Sache“ – will sagen: „sein“ Unternehmen sei, was die Debitoren angeht, selber konsolidierungsbedürftig... Eine solche Deutung zeugt nun allerdings von völlige! Unkenntnis der Bilanzsituation bei der Phoenix, die bei einer Bilanzsumme von 95,5 Mill. nur rd. 15 Mill. an Verbindlichkeiten ausweist, davon drei Mill. langfristige, 1,95 Mill. Konzernschulden, 5,8 Mill. Warenschulden (einschl. Anzahlungen von Kunden) und schließlich 4,6 Mill. „Sonstige“. Das sind also, wie in einer Bilanzanalyse festgestellt wurde, wahrhaftig „exemplarisch solide Finanzierungsgrundsätze.“ Man muß schon, um die erwähnten Besorgnisse recht zu verstehen, einen Blick auf die andere Seite der Bilanz werfen, wo der Posten „Warenforderungen“ mit 29,3 Mill. fast 42 v. H. des gesamten Umlaufvermögens ausmacht.

Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Erwägungen, die man im Hause der Phoenix wegen des allzu langsam fortschreitenden Konsolidierungsprozesses anstellt. Bei dem ungewöhnlich breiten Produktionsprogramm geht die Fülle des Sortiments eben nicht nur an wenige Großkunden – wie die Automobilfabriken, als Käufer von Bereifungen für die Erstausstattung –, sondern an unzählige mittlere und kleinere Abnehmer der verschiedensten Sparten. Dieser vielgestaltige und z. T. von Mode-Einflüssen abhängige Absatz entzieht sich weitgehend irgendwelchen Preisabreden. So steht er, in der Praxis, unter dem Gesetz des „vollständigen Wettbewerbs“. Auf der ganzen Linie ist die Auslandskonkurrenz wirksam. Dazu kommt, von den Kunststoffen her, die Substitutionskonkurrenz. Unter diesen Umständen müssen auch die Inlandshersteller – einige große Firmen mit all-round-Fabrikationsprogramm und zahlreiche kleinere Werke mit Spezialerzeugung – in einem recht harten Wettbewerb miteinander stehen. Das wiederum führt dazu, daß der so stark umworbenen Kundschaft erhebliche Kredite zu relativ günstigen Konditionen eingeräumt werden müssen. Deshalb also die ständig wache Sorge, daß Absatzstockungen zunächst zu einem Einfrieren mancher Debitoren führen könnten, und im weiteren Verlauf dann eben auch zu Verlusten bei einem Teil der Außenstände.

Wer gezwungen ist, die Dinge unter diesem Aspekt zu sehen, wird naturgemäß die Entwicklung der Konjunktur- und Liquiditätsverhältnisse mit aller Aufmerksamkeit verfolgen. Dazu kommt, für die kautschukverarbeitende Industrie insgesamt, daß sie, als Herstellerin sehr vieler „entbehrlicher“ – also nicht absolut lebenswichtiger – Waren, von der Entwicklung der Massenkaufkraft abhängig ist, und daß sie, wegen der Substitutionskonkurrenz auf den meisten anderen Absatzgebieten, ihre Erzeugnisse relativ billig anbieten muß, während die Preise für den z. Z. etwa 72 v. H. des gesamten Rohstoffbedarfs ausmachenden Naturkautschuk sich „frei“ und unter erheblichen Schwankungen an den Rohstoffbörsen bilden. Wer ständig um den Ausgleich zwischen einem höchst spekulativen Rohstoffmarkt und einem sehr preisempfindlichen Absatz bemüht sein muß, ist aber in einem ganz besonderen Maß an stabilen Kostenverhältnissen interessiert. Wenn aber Löhne, Gehälter, Energieaufwand und viele andere Kostenelemente eben nicht stabil bleiben, wird man bemüht sein müssen, die wachsenden Kosten durch ständige Modernisierung und Rationalisierung des Betriebs aufzufangen.